Alte Grenzen, neue Zugehörigkeiten

Ein Blick auf den Ortskern aus der Vogelperspektive.
Ein Blick auf den Ortskern aus der Vogelperspektive.
Foto: foto@luftbild-blossey.de
Was wir bereits wissen
Die Kommunale Neuordnung hat Schermbeck sein heutiges Gesicht gegeben. Manches indes blieb, wie es immer war.

Schermbeck..  Die Geschichte Schermbecks (799 erstmals urkundlich erwähnt) als komplex zu beschreiben ist eine Untertreibung. Die Lage in einer Grenzregion führte im Laufe der Jahrhunderte zu vielen Veränderungen. Das galt für die Grenzen, die Zuständigkeiten und oft für die Frage, wer herrschte; ein Themenkomplex für Fachleute.

Wer heute in die Gemeinde zieht oder einfach hindurch fährt, wird kaum wissen oder sehen, dass die Kommune in ihrer aktuellen Form am Neujahrstag ihr 40-jähriges Bestehen feierte. Denn zum 1. Januar 1975 trat die so genannte „kommunale Neugliederung“ in Kraft, auch in Schermbeck. Dadurch „sind in das Gebiet der Gemeinde Schermbeck die bis dahin selbstständigen Gemeinden Altschermbeck (ohne den Ortsteil Emmelkamp), Bricht, Dämmerwald, Damm, Gahlen (ohne Östrich), Overbeck (ohne den nördlichen Teil) und Weselerwald einbezogen worden“, schreibt Hans Zelle in einem kleinen geschichtlichen Überblick. Der ehemalige Vorsitzende des Heimatvereins weiter: Damit endete die Zugehörigkeit des hiesigen Raumes zu zwei Bezirksregierungen (Düsseldorf und Münster), zwei Landschaftsverbänden (Rheinland und Westfalen), drei Kreisen (Dinslaken, Recklinghausen und Rees) und drei Ämtern (Gahlen, Hervest-Dorsten und Schermbeck). Denn das alte Amt Schermbeck gehörte zu Rees, Gahlen zu Dinslaken und Altschermbeck zu Recklinghausen. Ein zusammengehörender Lebens- und Wirtschaftsraum war zuvor also mehrfach durchschnitten. Seit 1975 ist Schermbeck Teil des Kreises Wesel.

Schlusslichter

Mitten durch den Ortskern lief die Grenze: Von Norden her folgte sie in etwa der Erler Straße, machte einen Knick um die St. Ludgeruskirche herum und bog kurz dahinter nach Süden ab. Der ehemalige „Rheinisch-Westfälische Hof“ an der Mittelstraße ist noch steinerner Zeuge seiner alten Grenzlage. Diese geht übrigens auf einen Grenzvertrag von 1572 zurück.

Das zweite Neugliederungsprogramm des Landes dauerte von 1969 bis 1974. Schermbeck gehörte zu den Schlusslichtern der Umgestaltung und wurde im „Niederrhein-Gesetz“ erfasst.

Das Amt Schermbeck war dabei deutlich größer als die heutige Gemeinde mit ihren 110 Quadratkilometern. Rund 147 Quadratkilometer umfassten die zugehörigen neun Gemeinden, die westliche Grenze lag ungefähr entlang der Autobahn 3. Die natürliche Südgrenze war die Lippe.

Die alten Grenzen sind Geschichte, aber völlig vergessen sind sie nicht. In der Tradition spielen sie nach wie vor eine Rolle. Aber wohl nur für wenige Schermbecker sind die Altschermbecker „die da oben“. Eine Nahtstelle bleibt die Gemeinde dennoch: zwischen Rheinland und Westfalen im Westen und Osten sowie im weiteren Sinne zwischen Münsterland und Ruhrgebiet im Norden und Süden.

Die evangelische Kirche zum Beispiel machte die Neuordnung nicht mit: So gehört St. Georg in Schermbeck zum Kirchenkreis Wesel, die Nachbargemeinde Gahlen aber zum Kirchenkreis Dinslaken, und die alten Bezüge zur Hardt in Dorsten blieben erhalten. Und warum es in der Gemeinde zwei traditionsreiche Kilianschützengilden und eigene Feuerwehren gibt, das ist wieder eine ganz andere Geschichte.