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Als die Weseler ihr Rathaus verkauften

22.06.2012 | 14:43 Uhr
Als die Weseler ihr Rathaus verkauften
Zeitzeugin Bärbel Friede ist seit Bestehen des Kaufhofs in Wesel dort angestellt.

Wesel. Eine Stadt braucht ein Kaufhaus. Das lockt die Massen. Die Weseler wollten das. Sie haben verhandelt, mit Horten, Karstadt, Neckermann. Und dann haben sie dem Kaufhaus ihr Rathaus geopfert. Das war vor 40 Jahren. Und es war richtig, wie Rudolf Spelmanns sagt, der damals schon dabei war, als er und die anderen Ratsmitglieder so entschieden.

Sie hätten lange diskutiert, erinnert er sich. Hätten Grundstücke angeboten, am Kornmarkt, am Heuberg, hätten Hausbesitzer am Viehtor zum Abriss bewegen wollen. Aber der Kaufhof stellte die Bedingung: Nur das Filetstück, nur mitten rein in die Stadt. Geheim und mit nicht ganz eleganten Methoden kam es 1970 zur Entscheidung, das gerade mal zehn Jahre zuvor fertiggestellte Rathaus am Mathenakreuz zu verkaufen. Einen guten Preis habe die Stadt erzielt, sagt Spelmanns: drei Millionen D-Mark.

Dann gab es einen Knall. Ulrike Westkamp erinnert sich noch genau. Elf war sie, als der Turm des Nachkriegsbauwerks gesprengt wurde. „Die ganze Stadt war auf den Beinen und schaute zu.“ Und das Fernsehen war da. Schade fand sie, dass der Brunnen im Innenhof mit den Fischen nun fehlte.

Annemarie Gerlach, die später mal ihre Amtsleiterin in einem neuen Rathaus werden sollte, hatte hier ihre Ausbildung absolviert. Sehr überschaubar fand sie es in dem Bau. Sie konnte im Atrium auf allen drei Etagen die Kollegen kommen und gehen sehen, und vorne raus die Autos und die Straßenbahn. Und die über der Kreuzung hängende Ampel.

Sie hatte einen sicheren Job, denn im Haus war die Polizei. Die verfügte sogar über drei Ausnüchterungszellen, wie Herbert Holzwarth sich erinnert. Der heute 70-Jährige und seine Kollegen waren schnell vor Ort, wenn in der Stadt krakeelt wurde. Kollegial sei es zugegangen in kleiner Runde. Brauchte die Polizei Personen zur Gegenüberstellung, wurden mal eben Rathausmitarbeiter zur Amtshilfe gebeten.

Als das Haus dann nicht mehr stand, wurden sie alle verteilt - an die Dinslakener Landstraße, die Kreuzstraße, den Flamer Weg, ins alte Obrighovener Rathaus; und die Polizei an die Jülicher Straße.

In nur einem Jahr wurde der Kaufhof gebaut. Fünfgeschossig, mit über 6000 Quadratmetern Verkaufsfläche, Klimaanlage und Parkhaus. Wesel hatte einen neuen Clou. Was Hypermodernes im „Stil der neuen Zeit“,mit dem Slogan „Tausendfach unter einem Dach“. 60 000 Artikel waren es, als am 22. Juni 1972 groß Eröffnung gefeiert wurde. Sie wurde zum Volksfest. 40 000 Menschen stürmten das neue Haus, in dem es Fahrräder ebenso gab wie Küchen, Lebensmittel und Delikatessen.

Und ein großes, tolles Café, wie Bärbel Friede noch gut weiß. Mit der ganzen Familie war sie in die Stadt gefahren, wie man das damals noch nicht so häufig tat. Die Menschen schoben sich durch die Gänge, der Verkehr kam zum erliegen, die 300 Mitarbeiter, obwohl durch 200 Kräfte aus Nachbarfilialen verstärkt, kapitulierten fast. Was Bärbel Friede nicht davon abhielt, hier, in der Schuh-Abteilung, ihre Lehre anzutreten. Nach einem zwischenzeitlichen Wechsel nach Mülheim ist sie heute, mit 54, immer noch Kaufhof-Verkäuferin in Wesel.

Weniger Personal, mehr Stress - im Kaufhof verlief die Entwicklung nicht anders als in anderen Branchen. Das Beratungsgespräch sei weniger geworden, sagt Bärbel Friede, die viele Kunden persönlich kennt. Zwar veränderte sich in jenen Gründerjahren die Gesellschaft, mischte sich Orange in die vorwiegend bedeckten Farben und im Kaufhof sogar ein sattes Rot. Aber es war noch längst nicht so, dass statt der Verkäuferin die Ware die Kunden ansprach - großzügig in Shops und nach Marken präsentiert. Die modische Festlegung von Jung und Alt gibt es nicht mehr wie damals, sagt Kaufhof-Geschäftsführerin Astrid Vogell.

Flexibel hat er sich angepasst, der Kaufhof, der zum markanten Punkt in der Stadt wurde. Konzeptionell wie baulich. Rudolf Spelmanns ist froh, dass er und seine Kollegen damals ein Experiment verhindert haben, nämlich das Haus zwecks Lock-Effekt ohne Fenster zu bauen. Die Lebensmittel, meint er, sollten die zur Nahversorgung mal wieder aufnehmen.

Joachim Freund


Kommentare
22.06.2012
17:01
Als die Weseler ihr Rathaus verkauften oder Zeit ist reif für Wesel-WikiLeaks!
von Wespe7 | #1

"Geheim und mit nicht ganz eleganten Methoden kam es 1970 zur Entscheidung,"
typisch und wahrscheinlich der harmloseste Streich der Ludger-Rudi-Connection!

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