Alles verloren, nur nicht den Humor

Irmgard Kirsch (ganz links) vor 1945 als Fleischereiverkäuferin der Metzgerei Janssen in der Nähe des heutigen Lutherhauses.
Irmgard Kirsch (ganz links) vor 1945 als Fleischereiverkäuferin der Metzgerei Janssen in der Nähe des heutigen Lutherhauses.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Irmgard Kirsch, damals 20 Jahre alt, erinnert sich noch genau an die Angriffe auf Wesel im Februar 1945.

Wesel..  „Wenn ich an die Angriffe zurückdenke, wird mir ganz schlecht“, sagt Irmgard Kirsch, während sie einen sehr ernsten Gesichtsausdruck bekommt. Die 90-Jährige ist normalerweise eine fröhliche Natur („Ich lächele sonst eigentlich immer!“), doch während sie in Büchern die historischen Aufnahmen vom zerstörten Wesel betrachtet, vergeht ihr jedes Lachen. Auch nach 70 Jahren kann sie sich noch genau an den Tag des großen Angriffs am 16. Februar 1945 erinnern. Die damals 20-Jährige war als Verkäuferin bei der Metzgerei Janssen in der Nähe des heutigen Lutherhauses beschäftigt. Nach morgendlichen Bombardierungen waren Kirsch und Kollegen am Nachmittag damit beschäftigt, die Schäden am Geschäft zu beheben – unter anderem war das Schaufenster beschädigt. „Dann hörte ich auf einmal Flugzeugmotoren. Über dem Giebel der Häuser auf der anderen Straßenseite sah ich jede Menge Flieger und den Christbaum – so nannten wir das Angriffszeichen für die folgenden Bomber.“ Für Irmgard Kirsch war in Sekundenbruchteilen klar, dass es nun um Leben und Tod geht: „Ich habe nur geschrien ‘Alle in den Keller!’ Kaum waren wir dort angekommen, fielen auch schon die ersten Bomben.“

An ein Detail erinnert sich die heute 90-Jährige noch ganz genau: „Unsere Kellertür ging zum Glück nach innen auf – sonst wären wir nicht mehr rausgekommen“, sagt die Weselerin, die mit ihren Kollegen bange Minuten im dunklen Gewölbekeller verbrachte. „Als es dann wieder ruhig wurde, wollten der Meister Lorenz Janssen und ich nur noch raus. Die anderen haben sich nicht getraut und sind im Keller geblieben.“ Irmgard Kirsch stolperte dann durch das Trümmerfeld in Richtung ihres Elternhauses, das in der Straße „in der Dell“ stand. Auf halbem Weg kam der jungen Irmgard bereits ihre Mutter Elfriede Berthin entgegen, die sich voller Sorge auf den Weg in die Stadt gemacht hatte, um zu sehen, ob ihre Tochter die schweren Angriffe überlebt habe. Sie war – bis auf eine kleine Verletzung am Kopf – zumindest körperlich unversehrt.

Sie wollten nur noch weg

Am folgenden Tag half Irmgard Kirsch ihrem Chef noch, das Kühlhaus der Metzgerei im unbeschädigten Keller leerzuräumen – das war’s dann mit ihrer Arbeitsstelle, die nahezu dem Erdboden gleich gemacht war. Mitte März floh die damals 20-Jährige mit ihrer Mutter ins Bückeburger Land. Acht Tage lang waren die beiden unterwegs – zu Fuß, mit einem Fahrrad als „Packesel“. Die beiden Frauen wollten einfach nur noch weg. Sie gingen teilweise über die Autobahn, feindliche Bomber zogen über ihre Köpfer her. Mit nur ein paar Habseligkeiten wie Kleidung, Bettzeug und einigen Fotos als Erinnerung ging es fast 300 Kilometer weit – in Bad Eilsen und Rehren fanden die beiden Weselerinnen bis August 1945 eine Bleibe.

„Als wir nach Wesel zurückkamen stand unser Haus zwar noch – aber es war leer. Alles ausgeräumt!“, berichtet Irmgard Kirsch. Dann ergänzt sie: „Ich kann die Leute ja sogar verstehen, die brauchten ja auch was zum Leben. Andere Menschen liefen plötzlich mit meiner Kleidung rum, und in der Nachbarschaft sah ich dann in einem Haus unsere Küche.“ Nach heutigem Rechtsempfinden kaum vorstellbar, forderte der neue Nutzer als Bedingung für die Rückgabe der Küche anderes Mobiliar.

„In den folgenden Jahren mussten wir uns dann irgendwie durchschlagen“, erinnert sich Kirsch. Sie berichtet davon, dass sie bei Bauern um Kartoffeln bettelten. „Wir haben Brennnesseln gegessen“, nennt die Seniorin ein Detail ihrer Überlebensstrategie. Tageweise habe sie in dieser Zeit auch auf der anderen Rheinseite bei der Landwirtschaft geholfen, um sich Nahrung zu verdienen. Um dort hinzukommen, habe sie die „muntere Gummi-Brücke“ genutzt. „So nannten wir die provisorische Montgomery-Brücke“, erklärt Kirsch und sagt, „wir hatten damals zwar fast alles verloren, aber eben nicht unseren Humor.“ Und bei dieser Erzählung ist auch das Lächeln wieder zurück im Gesicht der fast 91-Jährigen.