Acht Etagen Gegenmodell

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Wesel..  Mehrfamilienhäuser, gar Hochhäuser, stehen im öffentlichen Ansehen selten gut da: Zu viele Eigentümer haben sich den Ruf verdient, Mieter abzuzocken und die Häuser verfallen zu lassen. Und manches Hochhaus wirkt negativ auf das Stadtbild. An der Frieden­straße 99 steht ein Gegenmodell, rundum erneuert für 40 Parteien. Gestern war Tag der offenen Tür. Es ist viel passiert in den acht Stockwerken plus Dachgeschoss.

Rund eine Million Euro hat die Eigentümerfamilie Kudorfer aus Oberbayern in den Bau aus dem Jahr 1973 investiert: Pelletheizung, Vollwärmedämmung der Fassade, Schallschutzfenster, neue Bäder, Vinylböden, ein neuer Spielplatz, Korridore, demnächst auch der erneuerte Aufzug.

„Die Verwaltung von Schrott­immobilien ist nicht unsere Sache“, sagt Projektleiter Jürgen Malten, der stolz das Ergebnis der Arbeiten zeigt. Klar, an der Friedenstraße 99 steht nach wie vor ein 70er-Jahre-Hochhaus - gebaut, um dem steigenden Wohnraumbedarf Rechnung zu tragen. Doch es ist eines mit frischem Anstrich, vergleichsweise freundlichem Ambiente und mit einer Philosophie.

„Wir sind ein Familienunternehmen“, sagt Wilhelm Kudorfer, der gestern zusammen mit seiner Schwester und Miteigentümerin Charlotte Pedros die Gäste zum Tag der offenen Tür mit Partyzelt, Grill und Getränken empfing. Es gibt mehrere dieser Immobilien, die meisten in Süddeutschland, das nächste in Heiligenhaus.

„Das Haus ist schon 1973 mit viel Herzblut gebaut worden“, sagt Jürgen Malten. Ein Neubau, den die Familie so schnell nicht vergisst: Der Generalunternehmer wurde mitten in der Bauphase insolvent. Fertig geworden ist das Haus trotzdem. Es sollte Platz für Familien schaffen, aber auch kleine Wohnungen bieten. Die Lage zwischen der Theodor-Heuss-Brücke und der Bahn ist zwar zentral, könnte aber auch lärmintensiv sein - in Zeiten, in denen die Region über die Betuwe-Linie diskutiert. Ein Blick in eine 86-Quadratmeter-Wohnung im siebten Stock: Kaum etwas ist zu hören. „Wir haben hier eine Dreifachverglasung.“

Und die Philosophie? Zwischen dem Unternehmen und den Mietern stehen weder Makler noch Provisionen. Man legt Wert auf persönlichen Kontakt. „Wir wollen auch nicht nur tolle Mieter, wir kümmern uns, wenn etwas geschieht“, erläutert Projektleiter Jürgen Malten. Niemand soll ausziehen müssen, weil er seine Arbeit verloren hat, beispielsweise. Man sucht nach Lösungen.

Eine Frau lebt bereits seit 1973 hier - unter einem Dach mit einem griechischen Nato-Soldaten und seiner Familie, einem chinesischen Internetunternehmer und vielen anderen Menschen. Gestern feierten sie gemeinsam.