80000 deutsche Soldaten auf 90 Hektar

Bürgermeisterin Ulrike Westkamp, Peter Schmidt vom Heimatverein Büderich und Gest sowie Heike Kemper, Kulturbeauftragte der Stadt Wesel, (von links) vor der vom Verein neu errichteten Schutzhütte für Radfahrer neben dem ehemaligen Trafoturm.
Bürgermeisterin Ulrike Westkamp, Peter Schmidt vom Heimatverein Büderich und Gest sowie Heike Kemper, Kulturbeauftragte der Stadt Wesel, (von links) vor der vom Verein neu errichteten Schutzhütte für Radfahrer neben dem ehemaligen Trafoturm.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Stadt Wesel erinnert an das große Kriegsgefangenenlager, das im Frühjahr 1945 bei Büderich eingerichtet und sieben Wochen genutzt wurde.

Wesel..  Wesel hatte gerade zwei Monate die verheerenden Bombardierungen hinter sich, durch die 97 Prozent der alten Hansestadt zerstört worden waren, da folgte auf den Wiesen, Weiden und Äckern bei Büderich erneut Grauenvolles und Unmenschliches. Zwischen dem Borther Solvay-Werk und dem Dorf errichteten die Alliierten ein riesiges Kriegsgefangenenlager. Rund 80 000 deutsche Soldaten lebten auf einer Fläche von 90 Hektar – ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Waschräume und Toiletten. Es war fürchterlich. Am 20. April 1945 wurde das Lager eingerichtet, am 15. Juni wieder aufgelöst.

Rheinberg, Remagen, Bad Kreuznach

70 Jahre danach erinnert der Heimatverein Büderich und Gest zusammen mit der Stadt Wesel an das riesige Lager, das in acht Cages (zu deutsch: Käfige) aufgeteilt war: 300 mal 300 Meter groß, mit jeweils 10 000 Menschen. Das Foto rechts vermittelt einen Eindruck davon, unter welchen Bedingungen die Soldaten hier hausen mussten. Drei solcher Lager gab es damals schon, sagt Bürgermeisterin Ulrike Westkamp, die gestern mit Peter Schmidt vom Heimatverein Büderich und Gest das Programm für den Gedenktag (siehe Box) vorstellte. In Rheinberg, in Remagen und in Bad Kreuznach. Fortan wurden die deutschen Gefangenen nicht mehr nach Frankreich und Belgien gebracht, sondern blieben hier.

Flach und überschaubar war das Gelände bei Büderich, von hohen Zäunen umrundet. Aufzeichnungen belegen, dass hier am 8. Mai 1945 genau 76924 Menschen unter katastrophalen Verhältnissen lebten. Mit bloßen Händen oder mit leeren Konservendosen gruben sie sich Mulden, um sich halbwegs vor Kälte und Regen schützen zu können. Sie litten unter schmerzhaftem Hunger, denn die Essensrationen, die die Alliierten ihnen gaben, reichten bei weitem nicht aus. Viele starben vor Hunger oder aufgrund der schlimmen hygienischen Bedingungen. Manche setzten gar zur Flucht an, um erschossen zu werden und ihrem Leiden damit ein Ende zu setzen, berichtet Westkamp.

Sieben Wochen gab es das Lager, an das seit 1961 ein Mahnmal an der Straße „In de Meer“ erinnert. Dann wurden einige der Männer entlassen, andere kamen als Zwangsarbeiter nach Frankreich und mehrere 10 000 ins große Kriegsgefangenenlager nach Rheinberg.

Zeichnungen von Curtius Schulten

Der Heimatverein dokumentiert im ehemaligen Trafoturm das Leiden im Lager mit Kopien von Bleistift- und Buntstiftzeichnungen aus dem Stadtarchiv Rheinberg, die – bis auf eine – alle aus dem Rheinberger Kriegsgefangenenlager stammen. Curtius Schulten hat sie gefertigt. Außerdem gibt es Fotografien wie die obige, die der Weseler Alexander Berkel vor 25 Jahren aus dem US Nationalarchiv Washington holte. Eines zeigt Gefangene, die von einem Soldaten bewacht werden während sie Brennholz von Bäumen in der Büdericher Rheinstraße zusammentragen. Ein anderes Foto dokumentiert das Schlangestehen an einer Wasserstelle, einem Fass. Einen Ofen aus Konservendosen gab es auf dem Büdericher Gelände auch. Schulten hat ihn gezeichnet. In einer Vitrine liegen zudem Gegenstände wie eine US-Schöpfkelle und der Deckel einer US-Brotdose.