2008 begann mit einem Knall
30.12.2008 | 22:00 Uhr 2008-12-30T22:00:00+0100
2009 wird schrecklich, sagen manche. Die Vorzeichen sind nicht günstig. Solche Prognosen sind allemal auch eine gute Plattform für politische Versprechungen: Das neue Jahr ist großes Wahljahr. So oder so war 2008 das „Jahr davor”, ein Jahr wirtschaftlicher Einschnitte, ein Jahr politischer Vorbereitung und Erneuerung.
Ein Jahr, in dem sich Protest ansammelte. Und es war das Jahr der Ortsteile, die – ungeachtet aller Krisentöne – zum Sprung in die Zukunft ansetzten.
2008 begann mit einem Knall: Ein Silvesterknaller sorgte dafür, dass der Kindergarten am Holzweg in Brand geriet. Das Wetter war durchwachsen, die Orkan-Tiefs Emma und Kirsten im März wurden kein zweiter Kyrill. Pech für die Brüner Landjugend: Ihr Trecker-Treck im April versank im Schlamm.
Das Klima und die Folgen als Stichwort für die Politik, in der es richtig rumorte. Den Auftakt machte die Weseler Wählerinitiative UWW, die nach persönlichen Animositäten ihren Fraktionsstatus verlor, kurz zuvor aber noch entdeckte, dass das Weseler Rathaus Schimmel angesetzt hat. Dann war die Weseler CDU an der Reihe. Heinrich Gilhaus legte sein Amt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender nieder. Es folgte ein Überraschungscoup: Die Partei präsentierte den Karnevalsprinzen Michael Stein (Steini I.) als Kandidaten für das Bürgermeisteramt. Vielleicht der Grund dafür, dass Franz-Josef Kuhmann nicht länger CDU-Parteichef und Ratsherr sein wollte und durch den Hoffnungsträger Dr. Heinzgerd Schott inklusive jungem, unverbrauchtem Team ersetzt wurde. Doch dann wollte plötzlich auch Steini nicht mehr, und die CDU geht suchend ins Wahljahr.
Personelles Gerangel begleitete die Union auch in Büderich, in Ringenberg und in Mehrhoog. Erneuerung wird es für sie „ganz oben” geben: Ilse Falk tritt nicht mehr für den Bundestag an. Als „shooting star” fordert der unlängst erst zugereiste Ralf Berensmeier seinen eigenen Chef Dr. Ansgar Müller heraus: Er will ihn als Landrat ablösen.
Und die FDP: Der Rat in Schermbeck kegelte Thomas Heiske raus, weil er hauptwohnsitzmäßig kein Schermbecker sei. Der Rechtsanwalt zieht vor Gericht und will unverdrossen erneut kandidieren.
Für politische Glanzleistungen sorgten die CDU-ler Wolfgang Hüsken, der einen Geldsegen des Landes verkündete, aber nicht wusste, wofür, und Klaus Roth, der den Regionalverband Ruhr fürs Unkraut-Mähen zwischen Schermbeck und Drevenack lobte, obwohl dieses noch fleißig sprießte. Kurzum: Das Wahljahr kann kommen!
Es könnte sein, dass sich der ein oder andere Politiker gegenüber Protestwählern warm anziehen muss. Am Lilienveen gingen Anwohner erfolgreich auf die Barrikaden, weil sie 32 Wohnungen für sozial Schwache anstelle der alten Gaststätte nicht wollten. In Üfte kämpfen Bürger gegen einen weiteren Hähnchen-Mastbetrieb. An der Dr. Reuber-Straße in Wesel bissen sich die Häuslebauer indes an der neuen Straße mit mächtigem Gefälle und Wassereinbruch-Gefahr für Keller und Garagen die Zähne aus.
Dass Bauern auf die Straße gehen, hatte es lange nicht mehr gegeben. 100 von ihnen stoppten kreisweit ihre Milch-lieferungen, viele fuhren nach Berlin, um höhere Preise durchzusetzen. Bei einer Trecker-Demo in Wesel kündigten etliche ihre Mitgliedschaft im Bauernverband und rückten dem Kreislandwirt auf den Hof. Einige Rinder machten es ihnen wortwörtlich nach: Sie zogen auf die B 473 und ließen die Polizei per Hubschrauber-Einsatz bis zum anderen Morgen suchen. Die Kuh „Harmonie” spielte beim Kuhfladen-Roulette in Dingden-Berg sogar Schicksal.
Neben der Wut regierte zunehmend die Angst. Telekom verfügte die Callcenter-Schließung in Wesel. Die Verlagerung von 200 Arbeitsplätzen bedeutet für manche de facto das Aus. Zum Jahresende nahmen die Schatten zu: Der Autozulieferer Borgers begann mit der Entlassung von 100 Mitarbeitern, davon 40 in Dingden. Ebenfalls in Dingden trennte sich der Textilhersteller Setex von 23 Arbeitnehmern. Im letzten Moment wurde die Firma Uphoff in Büderich vor dem Aus gerettet. Auch die Hochbau Wesel meldete Insolvenz an. 35 Mitarbeiter hoffen darauf, dass es für sie im neuen Jahr weitergeht. Selbst die Stabilsten traf es: Die Verbands-Sparkasse musste in Sachen Banken-Krise in die WestLB investieren, und das auch räumlich weiter wachsende Vorzeige-Unternehmen Altana korrigierte seine Erwartungen fürs neue Jahr nach unten. Die Weseler Traditionsfirma Stams stellte die eigene Herstellung von Getränken ein. Immerhin klotzt der Hamminkelner Textiler Bonita mit seinem gewaltigen Lagerbau an der Autobahn gegen die Krise an.
Andere große Namen der heimischen Wirtschaft tauchten im Zusammenhang mit Strafprozessen auf: Trapp und Knipping. Der Weseler Unternehmer Dominik an der Heiden zog öffentlich gegen die Praxis städtischer Wirtschaftsförderung zu Felde, und Klaus Calmund, ebenfalls Unternehmer in Wesel, sorgte medienweit für Schlagzeilen, weil er die Wiederrichtung der Mauer forderte, was er später öffentlich bedauerte.
Wesels Jahrhundertbauwerk, die neue Rheinbrücke, wurde vorübergehend zum Symbol für die Wirtschaftsflaute: Die Stahlbau-Firma ging in die Insolvenz. Zum Glück fand sich relativ rasch eine Übergangslösung. Es ging weiter voran – mit der Perspektive der Fertigstellung im neuen Jahr. Für die damit verbundene Umgehungsstraße wurden Gelder und der für den Fusternberg geforderte erweiterte Lärmschutz bewilligt. Dennoch klagt dort eine Bürgerinitiative gegen die Straßenbaupläne. Die alte Rheinbrücke bewies derweil trotzig ihre Standhaftigkeit, als ein Schubschiff einen ihrer Pfeiler rammte. Unter ihr glitt vor den Augen vieler Schaulustiger der russische Raumgleiter Buran auf dem Weg ins Museum in Speyer hindurch.
Aufbruchstimmung beim gebeutelten Einzelhandel: Wesels Werbegemeinschaft fand neue, junge Mitmacher und beschloss einen vierten verkaufsoffenen Sonntag. Auch sie spürte indes Gegenwind: Eine Allianz mit politischer und kirchlicher Beteiligung kämpfte für den freien Sonntag und scheiterte denkbar knapp. „Mottomärkte” belebten den Großen Markt in Wesel. Die Apollo-Passage erlebte einen weiteren Exodus, aber hier, wie auch in der Dudel-Passage, deuteten sich neue Möglichkeiten an. Dass in Wesel ein Sozialkaufhaus eröffnet wurde, ist auch kennzeichnend für die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung.
Sorgen um die Nahversorgung gab es in manchen Ortsteilen. In Bislich und Brünen verkündeten die Rewe-Märkte ihr Aus, in Blumenkamp blieb wenigstens ein Restangebot. Zubringer-Dienste von Einkaufsmärkten in anderen Ortsteilen wurden nicht angenommen.
Ansonsten aber war es ein positives Jahr für die Ortsteile. Am meisten von sich reden machte Büderich – in vielerlei Hinsicht. Nach Querelen starteten der Heimatverein und die CDU mit neuen Leuten an der Spitze. Hermann Norff verließ die Union und gründete mit anderen Einzelkämpfern die Initiative Bürger für Bürger. Nur mühsam verständigten sich die Büdericher darüber, wo ihre Jugend in Zukunft bleiben soll: im Vereinsheim an der Schützenstraße. Streitpunkte bildeten Nato-Draht-Rollen auf einer Mauer und die Entscheidung für einen Kappes-Bauern mit Schubkarre als Monument für den Marktplatz. Ausgrabungen von Ruinen des Forts Blücher stoppten zeitweilig den Deichbau. Die aufwändige Sanierung des alten Ziegelei-Geländes endete mit der Einweihung eines Rundweges als Start für die Schaffung eines Naherholungsgebietes im neuen Jahr. Und dann gab es noch den Autofahrer, der in Büderich mit 4,12 Promille erwischt wurde.
Die Bislicher starteten ihre Dorfentwicklung, im Schepersfeld gründete sich ein Stadtteilprojekt, in Diersfordt das Kulturnetzwerk, und für die Feldmark begann die Neuplanung des Marktplatzes.
Größten Respekt verdienen die Dingdenerinnen, die mit dem Verein Dorfentwicklung ihren Ortsteil voranbringen und unter anderem eine Architekten-Werkstatt für das Dorf organisierten. Noch zu klären ist die Streitfrage, inwieweit die Dingdener ihre Heide mit Hund nutzen dürfen. Eine von ihnen, nämlich Annemarie Klocke, darf stolz darauf sein, den Bau einer Krankenstation im afrikanischen Togo maßgeblich mit betrieben zu haben.
Auch die Brüner arbeiten an der Zukunft ihres Dorfes. Die Bürgerinitiative für eine Ortsumgehung blieb vorerst auf der Strecke. Aber es gibt neue Ideen, wie etwa die von den Landfrauen zur Büchertauschzentrale umfunktionierte Telefonzelle. Zum 100-jährigen Geburtstag gab der Kirchenchor ein großes Konzert.
Mehrhoog hat endlich einen Mittelpunkt: Der neue Dorfplatz wurde eingeweiht und gleich von einem Zirkus in Beschlag genommen. Und auch einen Bürgerbus gibt es dort nun. Die Mehrhooger haben den besten Supermarkt Deutschlands und stellten mit der Lebensmittelmarkt-Kassiererin Renate Schwoch deutschlandweit die „Mitarbeiterin des Monats”. Erstmals wurde der Schlacht auf der Mehrschen Heide von 1758 gedacht.
Dennoch sorgt man sich: Die geplante Betuwe-Linie droht den Ort per Lärmschutzwand endgültig zu zerschneiden. Agatha Schumacher und andere Mehrhooger mobilisierten 400 Menschen, die am Hamminkelner Rathaus dagegen und für eine Troglage demonstrierten.
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