200 Jahre Preußen

Wesel..  Es hätte ganz anders kommen können. Eigentlich hätte Preußen lieber Sachsen gehabt. Aber als Europa nach Napoleons Rückzug beim Wiener Kongress 1815 neu aufgeteilt wurde, waren es stattdessen das Rheinland und Westfalen, die preußische Provinz wurden. Die Frage, was wir heute, 200 Jahre danach, noch spüren, ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Zwar sind die Zitadelle und das Berliner Tor unübersehbare Zeugen aus preußischer Zeit in Wesel. Die aber sind zum Teil schon älter. Nach dem Aussterben des klevischen Herzogshauses zu Beginn des 17. Jahrhunderts machten die Hohenzollern aus Brandenburg, aus dem sich das spätere Preußen entwickelte, Ansprüche auf das Erbe der vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg geltend und durften schließlich im Klever Herzogtum regieren, zu dem auch Wesel und Schermbeck gehörten.

Jede Menge Reformen

Damit trafen quasi zwei Welten aufeinander, wie Dr. Veit Veltzke, Leiter des Weseler Preußen-Museums, erläutert: Die preußischen Könige im 18. Jahrhundert kamen mit dem Adel auf Klevischer Seite oft nicht klar, denn dieser war nicht bereit, seinen preußischen Standesgenossen nachzueifern und sich als Diener des Staates auch im niederen Dienst zu engagieren. Das hatte Konsequenzen, denn es bot dem Bürgertum die Chance, in der Verwaltung Karriere zu machen. Und das tat es.

Die preußischen Reformen Anfang des 19. Jahrhunderts mit Verwaltungs-, Bildungs- und Agrarreform, Städte- und Gewerbeordnung boten die Grundlage, Neues zu entwickeln und sich dabei zu engagieren.

Selbstbewusstes Bürgertum

Im zunehmend selbstbewussten Bürgertum entstand eine bürgerliche Leistungselite, aus der Impulse auch für den wirtschaftlichen Fortschritt kamen, so etwa für die bessere Nutzung der Ruhr als Kohle-Transportweg. Die Befruchtung war nicht einseitig: Kluge Köpfe vom Niederrhein wirkten auch in Preußen, für das die hiesige Region durchaus ein „Modernisierungsmotor“ war, wie Veltzke sagt.

Vereinheitlichung war ein Ziel Preußens. So entstanden die Regierungsbezirke und 1812 die Landkreise – Rheinberg, Geldern oder der Kreis Rees, aus dem später der Kreis Wesel wurde. Die Mitglieder des alten Verwaltungsadels, sagt Wesels Stadtarchivar Dr. Wilhelm Roelen, seien bloße Befehlsempfänger ohne Gestaltungsmöglichkeiten gewesen. Berlin sagte, wo’s lang ging. „Der Landrat versuchte die Befehle umzusetzen“, so Roelen. „Und der Bürgermeister war der Letzte, der etwas mitkriegte.“

Aber die straff zentralistisch orientierte „Durchsetzung von Verwaltungswillen“ (Roelen) wandelte sich mit dem Erstarken des Bürgertums und dem mehr und mehr weichenden Einfluss des Adels. Preußen legte auch den Grundstein zur kommunalen Selbstverwaltung.

Pünktlich und korrekt

Für die Weseler waren also „preußische Verhältnisse“ nicht ganz neu, als sie Bestandteil der preußischen Provinz wurden. Wichtig war ihnen, dass die Franzosen-Herrschaft endete. Und: Preußen hatte es hier leichter als in rein katholischen Gegenden, akzeptiert zu werden. Allgemein habe Preußen auch hier schließlich mit der Anerkennung seiner Effizienz, insbesondere bei der Verwaltung, Bildung und Wirtschaftsförderung für eine größere Akzeptanz gesorgt, so Veltzke. Der rege Austausch zwischen Rheinland und Westfalen hier und Berlin dort betraf auch die Einflüsse der Aufklärung, die mit Preußens Entwicklung eng verknüpft ist. Die Weseler Freimaurerloge Zum Goldenen Schwert von 1775 ist die älteste noch bestehende in NRW.

Klare Zuständigkeiten

Verwaltung heute: Gibt es im Weseler Rathaus noch „Preußisches“? Bürgermeisterin Ulrike Westkamp geht nicht auf die „preußischen Tugenden“ ein, die den Deutschen teils nachgesagt wurden oder werden: Dinge wie Pünktlichkeit oder Korrektheit, bei denen in diesem Zusammenhang meist der Unterton des Kommisshaften mitschwingt. Sie hat unter den Kolleginnen und Kollegen nach einer „Innensicht“ gefragt. Die klaren Zuständigkeiten, welche die Preußen für ihre Regierungs- und Verwaltungsämter eingeführt haben – die gebe es auch jetzt noch. Ansonsten aber sei „nicht mehr viel preußisch an der Verwaltung“, sagt sie. Heute gebe es „mehr Partizipation“. Allein die Feuerwehr sei noch hierarchisch aufgebaut. „Das muss so sein.“