13 runde Früchte und ein Sprung ins Jahr 2015

Mädchen und Jungen des Straßenkinder-Projekts mit künstlerischen T-Shirts.
Mädchen und Jungen des Straßenkinder-Projekts mit künstlerischen T-Shirts.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Samantha Neu verlebt die Wintermonate als Kunsttherapeutin und Sozialarbeiterin auf den Philippinen. Die 24-jährige Weselerin berichtet über ungewöhnliche Rituale der Insulaner rund um den Jahreswechsel.

Wesel/Cagayan de Oro.. Samantha Neu ist vermutlich die erste Weselerin, die morgen aufs neue Jahr 2015 anstößt. Denn, wenn die Bewohner der Hansestadt am Nachmittag des 31. Dezember noch eifrig mit den Vorbereitungen für die Silvesterparty oder das Mitternachts-Feuerwerk beschäftigt sind, hat die 24-jährige schon den Jahreswechsel hinter sich: Die Kunsttherapeutin verbringt die Wintermonate in Cagayan de Oro auf den Philippinen – dem Land in Südostasien, das aus insgesamt 7107 Inseln besteht, von denen 3144 mit einem Namen benannt und nur etwa 880 bewohnt sind.

„Es zieht mich immer wieder auf die Philippinen, da ich hier geboren und aufgewachsen bin“, sagt die Weselerin. Ihre Eltern Marie-Paule und Rainer Neu haben als Entwicklungshelfer acht Jahre auf den Philippinen gelebt und sind nach Deutschland zurückgekommen, als Samantha ein kleines sechsjähriges Mädchen war. „Diese ersten sechs Jahre haben mich sehr geprägt“, sagt die heute 24-Jährige.

Ihre besten Freunde haben damals im Fischerdorf gelebt, sie gehören zu den Ärmsten der Gesellschaft. „Ich habe es nie verstanden, warum ich in die weiße Familie geboren wurde und somit eine Chance auf ein Studium und ein ‘besseres’ Leben hatte und sie, die zufällig in die Familie auf der anderen Straßenseite geboren wurden, diese Chancen nicht hatten.“

Darum zieht es die Kunsttherapeutin immer wieder zurück auf die Insel-Gruppe im Pazifischen Ozean, um mit den Menschen dort so viel zu teilen, wie es eben geht.

Keine richtige Weihnachtsstimmung

Die Adventszeit auf den Philippinen in Cagayan de Oro zu verbringen, weckte bei Samantha Neu allerdings nicht wirklich ähnliche Weihnachtsstimmung wie in Deutschland: „Es hängt zwar seit Wochen überall die meist kitschige Weihnachtsbeleuchtung. Weihnachtsbäume aus Plastik stehen auch überall – aber in kurzer Hose und bei 30 Grad fehlt doch irgendwas.“

Den Heiligen Abend feierten die Filipinos ebenfalls anders als wir, berichtet die Weselerin: Zwar gehen sie auch vorher zur Kirche und danach gibt’s Essen und Geschenke – doch erst nach 24 Uhr. Und dann wird die ganze Nacht durchgefeiert.

Und zwar nicht nur mit der eigenen Familie – philippinische Familien sind sehr groß – sondern auch mit allen möglichen Nachbarn. Manche Familien feiern allerdings gar nicht, denn sie sind zu arm um Geschenke oder besonderes Essen zu kaufen. Sie verschlafen Weihnachten einfach.

Einige Kinder des Straßenkinderprojektes „GugmasaKabataan, Inc. (GugmaStreet Kids)“, für das Samantha Neu als Sozialarbeiterin und Therapeutin tätig ist, haben zuvor noch nie Weihnachten gefeiert. Nun konnten sie vor wenigen Tagen mit der Deutschen erstmals das Fest der Liebe erleben.

Samantha Neu erzählt: „In den Tagen vor Weihnachten klopfte es jeden Abend an meiner Tür und Kinder sangen Weihnachtslieder. Hauptsächlich bettelten sie um Geld und Essen. Ab und zu habe ich ihnen was gegeben – doch es sprach sich schnell rum, wo ‘die Weiße’ wohnt und so habe ich leider anfangen müssen, die schiefen Gesänge zu ignorieren...“

Glaube an Glück und Gesundheit

Silvester auf den Philippinen wird noch größer gefeiert als Weihnachten. „Schon Wochen vor dem Jahreswechsel hört man ab und zu Silvesterknaller, aber in den Tagen vor Silvester geht es dann richtig los und am 31. Dezember selber ist es kaum auszuhalten“, berichtet Neu. Die Filipinos basteln sich gerne selbst Knaller und so ist im neuen Jahr oft von Verletzten in den Zeitungen zu lesen.

Den Grund für die aus unserer Sicht deutlich übertriebene Knallerei schildert die Kunsttherapeutin so: „Die Filipinos glauben, dass man mehr Glück, Reichtum, Macht und Gesundheit erhält, wenn man die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es geht also darum, die Nacht so laut wie möglich zu verbringen und die Menschen in seiner Umgebung zu übertönen.“

Doch nicht nur dies: Dazu gibt es den Glauben, dass man 13 runde Früchte – wie zum Beispiel Äpfel, Orangen, Guaven und ähnliches – bis zum Tag der Heiligen Drei Könige aufbewahrt, um mehr Geld und Glück zu erlangen.

An Silvester ist das Zentrum des Straßenkinderprojekts geschlossen, erst im neuen Jahr geht es wieder los mit täglichem Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und der psychologischen Unterstützung.

Und noch etwas ist zum Jahreswechsel anders auf den Philippinen: Die Insulaner „rutschen“ nicht wie wir ins neue Jahr – sie springen: „Filipinos versuchen um Mitternacht so hoch wie möglich zu hüpfen, damit sie höher wachsen“, erklärt Samantha Neu. Na dann: Guten Sprung ins neue Jahr!