Ein Leben an der Bambergstraße
31.05.2012 | 17:18 Uhr 2012-05-31T17:18:00+0200
Bergkamen. Die Bambergstraße, die Verbindungsstraße nach Kamen. Ganz in der Nähe der Tankstelle steht das Elternhaus von Heinz Kordy. Dort ist er aufgewachsen. Und er kann sich noch an den starken Ginsterbewuchs erinnern, der der Straße viel früher, im 19,. Jahrhundert, ihren Namen gegeben hat. Bram = Ginster.
„Das lag an der landwirtschaftlichen Prägung der Straße“, erinnert sich Heinz Kordy.
„Früher gab es hier neben den Bauerhöfen Henter und Darenberg auch den großen Hof Wilke. Zwischen der heutigen Tankstelle bis zum Restaurant Toskana erstreckten sich eigentlich nur Felder, Wiesen und Pappelbäume“, erzählt Heinz Kordy, der sich mit seiner Frau hinter dem Elternhaus ein eigenes Haus gebaut hat.
Wo heute der Breil ist, gab es früher den „Apfelhof“, viele Wiesen voller Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume. Auf der anderen Straßenseite Richtung Westen waren Felder von Bauer Wilke, die mit Runkeln, Getreide und Kartoffeln bebaut waren.
Auch Heinz Kordy, der heute als Asienexperte bei der Dortmunder Auslandsgesellschaft tätig ist, half dort als Kind und Jugendlicher bei der Ernte mit und verdiente sich so sein Taschengeld. „Außerdem wurden wir immer so sehr von der Bäuerin verwöhnt. Zum Beispiel mit frisch gebackenem Brot, das einmal die Woche im eigenen Ofen gebacken wurde.“
Elternhaus zerbombt
Auch Kordys Frau Elisabeth ist an der Bambergstraße groß geworden. Ihr Elternhaus steht keine 100 Meter weiter vom Elternhaus ihres Mannes. „Dabei kannten wir uns als Kinder gar nicht“ erzählt Heinz Kordy. „Ich ging zur Schule nach Unna, meine Frau nach Kamen. Erst an ihrem Abiturball habe ich sie kennen gelernt und gefragt, wohin ich sie nach Hause bringen könne. Als sie die Bambergstraße nannte, war ich schon erstaunt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.“
Bis Ende der 1940-er Jahre noch fuhr die Straßenbahn durch die Bambergstraße und verband das alte Bergkamen mit Kamen. Damals war die Bambergstraße stark vom Krieg beschädigt. „Mein Elternhaus war bis auf die Grundmauern zerbombt worden“ erinnert sich Heinz Kordy. „Meine Eltern haben für meinen Opa, der spät aus dem Krieg kam, die Nachricht ‘Wie leben noch’ auf die Mauerreste geschrieben.
Sie mussten lange bei Verwandten der Schwester unterkommen. Mich gab es damals noch nicht. Schlimmer traf es unser Nachbarhaus damals. Die ganze Familie wurde bei einem Bombenangriff getötet. Bis auf ein kleines Kind, von dem aber danach niemand mehr etwas gehört hat.“
Später ersetzte der Bus die Straßenbahn. Und viele Geschäfte siedelten sich an. „An der Straße konnten meine Eltern fast alles kaufen“ erzählt Elisabeth Kordy. „So zum Beispiel im Lebensmittelgeschäft Fischer direkt zwischen Nordfeldstraße und Bambergstraße. Oder die Autowerkstatt Brinkmann.“ Auch ein Kino hat es lange an der Bambergstraße gegeben. Bis in die 1980er Jahre wurde es dort betrieben. In dem Gebäude ist heute ein Spielkasino.
Bergschäden kamen erst später
Auch der Bergbau hat Spuren an der Bambergstraße hinterlassen, die es in der Jugend der Eheleute Kordy noch nicht gab. „Als ich als junges Mädchen mit dem Fahrrad nach Kamen zur Schule gefahren bin, war die Bambergstraße noch völlig ebenmäßig“, erzählt Elisabeth Kordy. Doch viele Jahre fuhren die schweren Lkw voll mit Waschbergen aus Kamen zur Kohlenwäsche nach Bergkamen. Hier wurde die Kohle von dem nicht verwendeten Steingeröll „gewaschen“.
Heute sieht man der Bambergstraße die Bergschäden deutlich an. Direkt hinter der Schiller-Grundschule senkt sich die Straße Richtung Landwehrstraße deutlich ab.
Ein Ergebnis der vielen zusammen gebrochenen Stollen direkt unter der Straße.
INFO
In unserer Serie „Meine Straße“ soll in den kommenden Wochen der Ursprung von Straßennamen erläutert werden.
Leser, deren Straße wir in die Serie aufnehmen sollen, können sich gerne bei uns melden: kamen@wr.de
In der nächsten Woche sind Berichte über die Claude Canaday- sowie die Bloomfieldstraße in Kamen und über die Erlentiefenstraße in Overberge vorgesehen.
UND DAS IST DIE ERKLÄRUNG
Mit der fränkischen Stadt Bamberg hat die Bambergstraße trotz der Namensgleichheit nichts zu tun. Die heutige Namensform Bambergstraße hat sich nämlich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch allmähliche sprachliche Verkürzung und Verschleifung aus der ursprünglichen Form „Bramberger Straße“ entwickelt.
Bram, gelegentlich auch Braam, Braem oder Brahm, war früher eine in ganz Nordwestdeutschland gebräuchliche Bezeichnung für den Ginster oder das Pfriemenkraut. Bram ist übrigens auch Grundbestandteil in manchen Ortsnamen, etwa in Brambauer (Lünen) und Bramey (Bönen) oder auch in Bramsche, Bramstedt oder Brambostel (alle Niedersachsen).
In Bergkamen-Mitte selbst findet man nahe der Bambergstraße den auf einem uralten örtlichen Flurnamen basierenden Straßennamen „Auf dem Braam“ oder in im Stadtteil Overberge den alten Hofes- und Familiennamen Bramey, der ebenfalls auf die ethymologische Wurzel „Bram“ zurückgeht.
Die Bezeichnung des Bergkamener „Bramberges“ ist aber neben dem Ginster auch darauf zurückzuführen, dass das Geländeniveau des alten, bäuerlichen Dorfes Bergkamen zu beiden Seiten der Bambergstraße im Bereich der heutigen Schillerschule und des städtischen Bauhofes und der Rettungswache ehemals noch viel deutlicher als heute nach Norden hin zum inzwischen nicht mehr sichtbaren Kuhbach um einige Meter absank. Was heute durch die bergbaubedingten Senkungen und Oberflächenveränderungen in den letzten 100 Jahren nicht mehr ganz leicht zu erkennen ist.
Wer allerdings ganz früher aus etwas weiterer Entfernung von Norden oder Nordwesten aus auf das Bergkamener Dorf im Süden bzw. Südwesten schaute, der konnte durchaus den Eindruck haben, als lägen die dortigen Bauernhöfe auf einer Anhöhe oder auf einem kleinen Berg.
Anhöhe verschwand durch Bergbau
Da also hier am Nordrand des früheren Dorfes offensichtlich über Jahrhunderte der Ginster und eine Anhöhe die natürliche Vegetation und das Landschaftsbild beherrschten, ist es nicht verwunderlich, dass die einheimische Bevölkerung diesen Ortsbereich als „Bramberg“ oder eben „Ginsterberg“ bezeichnete und diese Bezeichnung sich dann im Laufe der Zeit und vieler Generationen dauerhaft verfestigte bei den Bergkamenern.
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