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Orthese statt OP

Ein „Halbstiefel“ als Heilmittel

01.06.2012 | 15:11 Uhr
Ein „Halbstiefel“ als Heilmittel
Spezialprothese zur Spitzfußkorrektur entwickelt von Manfred Trinckert

Kamen. Um seinem zehnjährigen Sohn eine Achillessehnenoperation zu ersparen, reist ein Vater mit seinem Sprössling in der kommenden Woche aus dem 400 Kilometer entfernten Barlt in Schleswig-Holstein nach Kamen. Hier bei Manfred Trinckert soll der Junge, der unter einem „Spitzfuß“ leidet, mit einer Spezialorthese in die Lage versetzt werden, wieder normal zu gehen.

Orthese statt Operation

„Ich bin weltweit vermutlich der einzige, der solche Schienen herstellt“, sagt der 65-jährige Orthopädiemechaniker-Meister stolz. Schon vor 20 Jahren hat er seine Orthese erfunden, „weil die herkömmlichen Schienen, die auch heute noch im Verkauf sind, für die Patienten schmerzhaft sind, der Fuß nur starr gelagert wird und – was am schlimmsten ist – sie überhaupt keine Wirkung entfalten.“

Patienten, die unter einem Spitzfuß leiden, können nur auf Zehenspitzen gehen und die Ferse nicht auf den Boden aufsetzen. Die Achillessehne kann sich dabei dauerhaft verkürzen, was normales Gehen unmöglich macht und weitere Haltungsschäden nach sich ziehen kann. „In den meisten Fällen neigen Mediziner dazu, diese Fehlstellung durch eine Achillessehnenoperation zu beseitigen“, sagt der Kamener Sanitätshausinhaber.

Heimlich, still und leise hat Trinckert in seiner Werkstatt seine Orthese ausgetüftelt. Sie sieht unspektakulär aus: Wie ein versteifter Gummistiefel, bei dem der rückwärtige Schaft komplett entfernt wurde. Flexible Riemen an der Ferse und vor allem an der Wade fixieren die Schiene, die nur nachts getragen werden muss. „Je straffer die Riemen gezogen werden, desto größer ist die Hebelwirkung auf der Vorderseite, die bewirkt, dass der Fuß in seine normale Stellung geführt wird. In kürzester Zeit wird die Achillessehne dabei soweit gedehnt, dass der Patient ganz auf die Orthese verzichten und wieder gehen kann.“

An die große Glocke gehängt hat Manfred Trinckert seine Erfindung nicht. „Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich in all den Jahren nur rund 20 Anfragen für diese Schiene hatte“, sagt Trinckert. „Ich hatte aber auch schon den Gedanken, dass es daran liegen könnte, dass meine Lösung den Chirurgen und Orthopäden ja Arbeit abnimmt...“

Fünf Muscheln als Dankeschön

Wie dem auch sei, alle Patienten, denen er bisher „seine“ Schiene angepasst hat, waren zufrieden und konnten nach kürzester Zeit wieder gehen. Eine ältere 92-jährige Dame aus Sölde, die gleich beide Füße behandeln lassen musste ebenso, wie ein kleiner Junge, der dem Meister aus Kamen schon vor Jahren als Dankeschön ein Weckglas mit einem Papierschiffchen und fünf Muscheln aus dem Urlaub schickte. Trinckert hütet das Glas noch heute in seiner Werkstatt wie einen Schatz.

Erfindungsreichtum beweist der Senior, der gerade eine innovative Schiene zur Korrektur von O-Beinen für Kinder zur Produktionsreife entwickelt hat, auch abseits der Orthopädietechnik. So ersann er für seine elektrische Heckenschere ein schnittfestes Kabel, um Unfällen vorzubeugen. „Leider gab es dafür, ohne dass ich es wusste, schon ein Patent einer anderen Firma.“ Macht aber nichts. Trinckert liebt die Befriedigung, für menschliche Alltagsprobleme eine technische Lösung zu finden. Und seine Kunden danken es ihm.

Uli Thormählen

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