Zwischen Schule und kirchlichen Pflichten

Sichtigvor..  Das ehemalige Küsterhaus in Sichtigvor erfreut sich seit einiger Zeit wieder einer lebhaften Nutzung (wir berichteten). Ortsheimatpfleger Wilhelm Hecker blickt nun auf die ehemaligen Bewohner dieses Hauses zurück. Für sie galt es, einen Spagat zwischen Schule und Kirche zu meistern.

Joseph Drepper

Das 1798 im Fachwerkstil neu errichtete Schul- beziehungsweise Küsterhaus eröffnete sich für die Mülheimer und Sichtigvorer Kinder wahrscheinlich erst im Herbst des folgenden Jahres. Ihr Lehrer und Küster, Joseph Drepper, hatte bis dahin schon 20 Jahre in dem alten Gebäude am Mühlenteich die Schulmeisterei betrieben. Nun sah er seinen Traum von einer neuen Schule vor Augen. Um auch neuen Unterrichtsgeist mit einziehen zu lassen, belegte er noch vorher 1799 einen „Normalkursus“ des Reformpädagogen Friedrich Adolf Sauer.

Joseph Drepper, in Mülheim geboren, zählte damals 49 Jahre. Er entstammte einer Küsterfamilie, der des Küsters und Schulmeisters Christian Drepper (1693 - 1780) aus dem Hause Schmiedkösters (Rüther). In dessen Fußstapfen war Sohn Joseph getreten, als der Vater 1780 nach 56 Jahren von seinen Ämtern zurücktrat. Seit 1796 war Joseph Drepper verheiratet mit der Mülheimerin Catharina Wienecke (Kochs-Korff), die ihm im Jahr des Schulumzugs eine Tochter, Catharina, gebar. Das Kind brachte sie allerdings nicht in dem neuen Küsterhaus zur Welt.

Nach Chronist Westermann hatten die Dreppers nie das freie Wohnen im Mühlenteich-Schulhaus in Anspruch genommen, sondern immer im eigenen Schmiedköster-haus gewohnt. Das Glück der Drepper-Familie endete jäh im Jahr 1800. Catharina war schwanger mit dem späteren Erben Engelhard, als ihr Mann am 2. Juli einem Brustfieber erlag.

Rolle als Küster und Lehrer

Gestorben war der Mülheimer „Sacristanus und Ludimagister“ – so nannte Pastor Joseph Leers den Verstorbenen im Totenbuch. Von beiden Ämtern gebührte im Verständnis von Pastor und Gemeinde dem Küster der Vorrang. Der Kirchendiener mit seiner Anwesenheit bei allen heiligen Handlungen, bei Hochzeiten, Taufen, Begräbnissen sichtbar, verrichtete eben einen Höheren Dienst.

Dem Ansehen der Schulmeisterei war es nicht förderlich, dass im 18. Jahrhundert noch viele Eltern den Schulbesuch ihrer Kinder für überflüssig oder wenig notwendig hielten. In der Bewertung gewann der Lehrerberuf erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als dank der Reformbemühungen Adolf Sauers Schulbewerber eine gewisse Qualifikation vorweisen mussten. Auch die strikte Durchsetzung der Schulpflicht durch die hessischen Behörden ab 1808 wertete Schule und Lehrer auf. Mit der höheren Anforderung an Lehrer endete jedoch die in Mülheim bisher gepflegte Tradition, den Küster aus den eigenen Reihen zu gewinnen.