Zwei Minuten Mut entscheiden über Hirschbergs Schicksal

Kriegsende in Hirschberg: Theo Dresbur am Grab von Orgelmacher
Kriegsende in Hirschberg: Theo Dresbur am Grab von Orgelmacher
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Zwei Minuten nur. Weniger als ein Wimpernschlag der Geschichte. Mehr Zeit blieb Willi Orgelmacher an jenem 8. April 1945 nicht, um die Katastrophe abzuwenden, dass die Amerikaner mit ihren Bomben Hirschberg dem Erdboden gleichmachen würden.

Hirschberg.. Dank der mutigen Entscheidung von Wilhelm Orgelmacher, der sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, als alle anderen schon resigniert hatten, entging Hirschberg dem drohenden Inferno. Das Hirschberger Urgestein Theo Dresbur hat stets die Erinnerung an die heldenhafte Tat wach gehalten und war maßgeblich daran beteiligt, dass im August 2008 ein Gedenkstein für den „Retter Hirschbergs“ aufgestellt wurde. „Wilhelm Orgelmacher war es, der Hirschberg vor vielem Leid und großer Zerstörung bewahrt hat“, weiß Dresbur.

Angst um Leib und Leben

Für unsere Zeitung hat er die Chronologie der dramatischen Ereignisse am 8. April 1945 noch einmal zusammengefasst. Nachdem am 7. April Warstein und Belecke von den amerikanischen Truppen besetzt worden waren, rückten US-Einheiten über Kahlenbergsköpfe bis an den Waldrand von Odacker und Gaster vor. Hirschberg lag nun in guter Sichtweise vor den Soldaten. Am Abend des 7. April und in der Nacht zum 8. April wurde Hirschberg von der Haar aus unter schweres Artilleriefeuer genommen. Dresbur: „Die Abschüsse der Geschütze und das Pfeifen der Geschosse waren deutlich zu hören.“ Angst machte sich breit. Angst um Leib und Leben.

Durch den Beschuss wurden mehrere Gebäude getroffen, es gab Tote und Verletzte. So hatte die Familie Wilhelm Mimberg gleich zwei Tote und mehrere schwerverletzte Kinder zu beklagen.

In und um Hirschberg befanden sich etwa 450 deutsche Soldaten, darunter eine SS-Einheit. Im Verlauf des Nachmittags wurden Flugblätter abgeworfen, in denen die Bewohner aufgefordert wurden, bedingungslos zu kapitulieren. Als deutliches Zeichen sollten weiße Tücher gehisst werden. Dresbur: „Bei Nichtbefolgung würde Hirschberg in Schutt und Asche gelegt.“ Damit schlug die Stunde von Wilhelm Orgelmacher. Er überlegte nicht lange, stopfte sich ein großes weißes Tischtuch unter die Jacke und ging zur Kirche. Dort bestieg er den Turm und hisste das weiße Tuch als Zeichen der Kapitulation.

Zuvor war er noch beim Bürgermeister gewesen, der sein Patenonkel war, und hatte diesen aufgefordert, die weiße Fahne zu hissen. Aber der hatte Angst, dass er dann von den deutschen Soldaten erschossen würde, denn es galt die Parole, Hirschberg bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. „Ich möchte das gerne bewilligen“, hatte er gesagt, „aber das ist mir zu gefährlich. Das geht auf Leben und Tod für mich.“

In letzter Sekunde das Tuch gehisst

Vor Jahren hat Willi Orgelmacher sich an diese schicksalshaften Minuten erinnert und die folgenden Sätze aufgeschrieben: „Als ich die Fahne raushing, war es genau zwei Minuten vor halb vier. Wie ich die Kirche verließ und bei Bittern um die Kurve ging, da schlug die Kirchturmuhr gerade halb vier. Und Punkt halb vier hatten die Amerikaner Hirschberg in Schutt und Asche legen wollen.“ Und Theo Dresbur weiß: „Die Hirschberger waren trotz aller Not erleichtert. Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Dass es nicht dazu kam, ist mit Sicherheit Wilhelm Orgelmacher zu verdanken.“