Zwei Messgewänder für das Kirchspiel gerettet

Sichtigvor..  Ortsheimatpfleger Wilhelm Hecker erzählt auch von einem zweiten Bewohner des ehemaligen Küsterhauses: Wilhelm Girsch.

Die für das Mülheimer Schulwesen zuständige Deutschordenskommende berief nach dem Tode von Joseph Drepper den aus Obertieffenbach (bei Nassau) stammenden Wilhelm Girsch zum Küster, da sich im Kirchspiel kein geeigneter Kandidat mit Lehrerqualifikation fand. Der 25-jährige Wilhelm Girsch geriet mit seinem Antritt in Mülheim 1801 nicht nur in unbekannte Schul- und Dorfverhältnisse, sondern auch schon bald in die umwälzenden napoleonischen Zeitläufe, wie sie das Möhnetal seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr erlebt hatte.

Die Kirchspielbewohner wechselten als Untertanen vom Kölner Kurfürsten zu hessischen und ab 1816 zu preußischen Herren. Der Deutsche Ritterorden verlor 1804 erst seine Möhnetaler Privilegien und ab 1809 durch Napoleons Edikt seine Existenz. Nach Aufhebung der Kommende regierte in ihrem ehemaligen Barockschloss eine strenge hessische Amtsverwaltung. Die Unterhaltspflicht für Pfarrkirche und Schule hatten die Hessen wohl oder übel mit übernehmen müssen, nachdem sie den ganzen Kommendebesitz an sich gerissen hatten.

Die Auslöschung des westfälischen Klosterwesens durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 wirkte sich in der katholischen Kirche bis in die untere Ebene aus. Küster Wilhelm Girsch musste nun jeden Morgen auch dem aus Kloster Bredelar vertriebenen Abt Schäfferhoff bei seiner Messfeier dienen, denn dieser hatte im Mülheimer Pfarrhaus Zuflucht gefunden. Aus dem Minoritenkloster Rüthen hatte Küster Girsch die Hostien für St. Margaretha abgeholt. Nach Aufhebung dieses Klosters konnte er von der zum Verschleudern freigegebenen Einrichtung wenigstens zwei Messgewänder, ein grünes und ein violettes, für Mülheim retten.

Geringe Einkünfte als Küster

Trotz aller Turbulenzen gelang es dem Obertieffenbacher vor allem durch familiäre Bande, sich rasch im Kirchspiel zu verwurzeln. Noch im November des Jahres seiner Ankunft im Möhnetal heiratete er eine Tochter aus der Sichtigvorer Hausstätte Jürgens: die erst 16 Jahre alte Elisabeth Scheffers. Seine Schwester ehelichte den Erben dieses Hauses. Am 30. August 1802 kam mit dem Töchterchen Marlies Girsch zum ersten Mal im Küsterhaus ein Kind zur Welt.

Zwei Jahre später, am 22. September 1804, folgte der Sohn Joseph, der als späterer Küster und Lehrer bis zu seinem Tode 1872 in dem Haus leben sollte. Mit dem 1818 geborenen Nesthäkchen Adelheid bevölkerte schließlich eine Schar von sieben Kindern das Haus am Kirchhof. Da mochte es lebhaft zugehen, aber gelegentlich auch eng, denn das Vieh – Ziege, Schwein, Hühner – lebte mit unter dem Dach.

Auf die Haustiere und Früchte aus dem Garten konnte die Familie eines Küsters auf keinen Fall verzichten, denn allein von den sonstigen Einkünften konnte ein Kirchendiener kaum leben. Im Wissen um das karge Einkommen hatte die Kommende immer darauf bestanden, dass der Küster zugleich der Schulmeister von Mülheim sein müsse, um ihm auch dessen Einkünfte zukommen zu lassen.