Zurück ins Leben – Wie Ludger seine Alkoholsucht überwand

Ludger, trockener Alkoholiker, hat durch eine Therapie in der LWL-Klinik in Warstein den Weg zurück ins Leben gefunden.
Ludger, trockener Alkoholiker, hat durch eine Therapie in der LWL-Klinik in Warstein den Weg zurück ins Leben gefunden.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Ludger hat zwei Liter Wodka am Tag getrunken. Nach geglückter Therapie fühlt er sich nun freier als je zuvor. Angst vor einem Rückfall hat er nicht.

Warstein.. Paletten mit Dosenbier stapeln sich auf dem Bahnsteig. Jeder, der neu hinzustößt, bringt eine weitere mit. Manche der Männer haben auch Mariacron-Flaschen unter dem Arm. Es ist das typische Bild einer feucht-fröhlichen Kegeltour. Die Männer sind laut, lassen die anderen Fahrgäste ihre Vorfreude auf den Sambawagen spüren.

Mittendrin steht Ludger, ebenfalls strahlend. Dabei hat er keinen Weinbrand, nur eine Flasche Wasser im Rucksack. Seit fünf Monaten ist er zu diesem Zeitpunkt trocken, runter vom Alkohol, der so vieles kaputt gemacht hat: seine Gesundheit, seine Ehe, seine Selbstachtung.

Ludger will unbedingt mit auf diese Kegeltour. Er begibt sich auf eine Zugfahrt, die ihn zurück ins Verderben stürzen könnte, die eine Versuchung nach der anderen für ihn bereit hält. Doch Ludger sieht das anders: Für ihn ist die Kegeltour mit seinen Freunden eine Zugfahrt zurück ins Leben.

„Seitdem lasse ich eigentlich keine Party mehr aus“, erzählt Ludger heute, rund vier Jahre später. Ausgerechnet am 11.11.2010 wurde er aus der LWL-Klinik entlassen, beim Karneval 2011 stand er schon wieder auf der Bühne. „Da habe ich von vielen Leuten guten Zuspruch bekommen“, sagt er. Geselligkeit und Freundschaften geben ihm Halt, besonders wenn es ihm schlecht geht. „Ich wusste die ganze Zeit: Entweder meine Freunde achten auf mich oder ich verende im Keller und fange das Saufen wieder an.“

Auf Partys gibt es für ihn nur Wasser – an diesen Grundsatz hält sich Ludger seit seiner Entlassung. Jeder weiß das und jeder akzeptiert das. Relativ offen ist er mit der Sucht umgegangen. „Das hat vorher ja auch jeder mitbekommen.“

Dass er seitdem immer nüchtern ist, habe sein Spielfeld erweitert, ihm mehr Freiheit zurückgegeben als genommen. „Ich kann und darf jederzeit Auto fahren“, sagt er, „mein Fluchtweg ist immer frei.“ Zum Beispiel, wenn dem trockenen Alkoholiker die betrunkenen Party-Gäste zu viel werden. „Wenn die versuchen, die Welt zu verbessern, so ab Mitternacht“, sagt er, dann verschwindet er – leicht genervt, aber ohne große Wut im Bauch. „Früher war ich ja selbst nicht anders.“

Keine Angst vor dem Rückfall

Und manchmal gönnt er sich etwas für sich, von dem Geld, das früher für den Alkohol draufgegangen wäre. „Ich buche Konzerte und fahre alleine hin“, sagt er: Bryan Adams, Unheilig, Silbermond. „Meine Hallengröße beginnt ab 10 000 Plätzen, das ist Entspannung pur.“

Vor dem letzten Konzert war das Verlangen nach Alkohol wieder aufgekommen. Dieses Verlangen unter Kontrolle zu halten, sei harte Arbeit. „Ich habe gesagt: Jetzt nicht!“ Auf der Rückfahrt könnte er sich an der Tankstelle immer noch ein Bier holen, vertröstete er sich selbst. „Da hatte ich das dann aber längst vergessen.“

Angst vor einem Rückfall hat Ludger nicht. „Das macht nervös, Angst darf man nicht haben.“ Wohl aber Respekt.

Depressionen trieben ihn vor Jahrzehnten zum ersten Mal zur Flasche. „Alkohol war das Ventil für mich.“ Auch vorher hatte er getrunken, an Schützenfesten auch schon einmal drei Tage am Stück. „Danach hatte man aber erst einmal wieder die Schnauze voll vom Schlucken.“

Familiäre Probleme verstärkten vor rund zehn Jahren die Depressionen, Angstzustände kamen hinzu. „Das ist wie ein Hamsterrad, man macht sich über alles Gedanken“, beschreibt er, „so sehr, dass man nicht mehr schlafen kann.“ Mit Bier wollte Ludger das Hamsterrad zertrümmern, doch es drehte sich nur immer schneller. „2007 bin ich auf Wodka umgestiegen“, erinnert er sich. Danach konnte er zwar noch immer teils monatelang auf Alkohol verzichten, aber kleinste Rückschläge brachten die Sucht zurück – und ließen sie jedes Mal noch heftiger werden.

Ein bis zwei Liter Wodka trank er in den schlimmsten Zeiten, ist betrunken Auto gefahren und arbeiten gegangen. Er füllte Wodka in Wasserflaschen, um auch während der Arbeit weiter trinken zu können. „Das wurde immer schlimmer.“ Ohne Gefühle blicke er heute auf diese Zeit, sagt nur: „Das war sicher nicht meine beste Leistung.“

Leben im Heute – nicht im Morgen

Vielmehr sei er stolz auf das, was er seitdem geleistet hat. „Damals habe ich morgens in den Spiegel geguckt, fand mich ekelig und habe weiter gesoffen.“ Heute sei sein Selbstwertgefühl repariert, auch sein Umgang mit anderen Menschen habe sich grundlegend verändert. „Ich versuche, ziemlich entspannt durchs Leben zu gehen.“ Dazu gehöre auch, nicht allzu sehr an all das zu denken, was in Zukunft passieren könnte. „Ich lebe heute, nicht morgen.“

Ludger hat Strategien entwickelt, wie sie jeder trockene Alkoholiker für sich selbst aufbauen muss. „Ich versuche, möglichst entspannt durchs Leben zu gehen“, so sein Grundsatz. Die Gedanken an Alkohol verschwinden dabei nicht, aber etwa die Alpträume haben nachgelassen. „Ich könnte mir vorstellen, mich wieder zu verlieben, aber nicht, wieder zu saufen.“

Geholfen haben die Gespräche mit Gleichgesinnten in einer unabhängigen Selbsthilfegruppe, die sich einmal pro Woche in der LWL-Klinik trifft. Richtig klick gemacht hat es aber, als Ludger mit einem Freund, einem Diabetiker, im Café saß. „Ich konnte in mein Stück Kuchen beißen und er musste aufpassen“, erzählt er, „ich muss nur auf Alkohol verzichten, da hat er es doch deutlich schwerer.“

Der Zug zurück ins Leben – für Ludger fuhr er in die richtige Richtung.