Zuckerbäcker und Zahnarzt unter einem Dach

Unsere Hauptstraße: Haus von Grafen Tuka, Hausnummer 39
Unsere Hauptstraße: Haus von Grafen Tuka, Hausnummer 39
Foto: WP
Was wir bereits wissen
„Hobelspan, Zement und Torte bauen eine Ehrenpforte“ – So manch’ Warsteiner wird noch heute über diesen Spruch schmunzeln und dabei an drei bestimmte Häuser entlang der Hauptstraße denken.

Warstein.. Bis in die 1950er Jahre lagen mit der Schreinerei Stier, den Risse Zementwerken und der Konditorei Enste drei Häuser entlang der Route der Warsteiner Dreifaltigkeitsprozession, die gemeinsam einen Stationsaltar zu diesem Anlass gestalteten. Die Schreinerei Stier ist längst Geschichte, auch über dem Steinbruch Risse liegt mittlerweile Stille – und „Ensten Konditors“ gibt es auch nicht mehr. Doch das Haus an der Hauptstraße 39 bleibt ein ganz Besonderes, auch ohne Ehrenpforte.

Die Historie

Um 1840 herum muss es gewesen sein, als Johann Enste die 60 Zentimeter dicken Grundmauern aus dem Felsen brechen ließ. Wer heute sieht, wie nah das Haus an den Felsen steht, kann nur erahnen, wie schwer diese Arbeit gewesen sein muss. Wahrscheinlich sind die massiven Felsen auch der Grund dafür, dass das Haus nie unterkellert wurde. Mit Caspar Enste, dem Sohn des Hauserbauers, begann die Konditorei-Phase des Gebäudes. Sein Sohn, Josef Enste, führte die Feinbäckerei bis in die 1950er-Jahre. Doch parallel dazu begann ab 1932 ein weiteres Kapitel des Hauses: Ernst Grafe senior eröffnete im ersten Stock seine Zahnarztpraxis. Ein Zuckerbäcker und ein Zahnarzt unter einem Dach – man mag über die hintersinnigen Verbindungen spekulieren, fest steht aber: Die Kombination aus Zahnweh und Gaumenschmaus hielt sich in dieser Form bis 1957.

1954/55 baute Grafe senior das Haus um; ein neues Treppenhaus kam hinzu und eine Zwischendecke wurde eingezogen. Bereits 20 Jahre vorher war der heute so markante Giebel des Dachgeschosses hinzugefügt worden. Als „Ensten Konditors“ 1957 das Geschäft aufgaben, vollzog sich auch ein Wechsel eine Etage drüber: Dr. Ernst Grafe junior, allen Warsteinern nur als „Tuka“ bekannt, übernahm die Praxis seines Vaters. Bis 1991 kurierte er dort Zahnleidende, während an anderen Stellen und Geschossen des Hauses die Nutzung immer wieder wechselte: Vom Herrenausstatter Bruns („Kauf‘ bei Bruns, denn alle tun’s“) über die Westfalenpost bis zum Studienkreis und Spielzeug Puppe, die sich heute im ersten beziehungsweise Erdgeschoss befinden, waren immer neue Mieter in dem Haus vertreten. Einem Haus, dessen Außenfassade heute kaum mehr heraussticht, dessen Innenleben aber zumindest im zweiten Stock eine ganz besondere Überraschung birgt.

Die Einrichtung

Es beginnt mit der Tür. Wer die Holztür zu „Tukas“ Wohnzimmer durchschreitet – und ja, man schreitet, alles andere klänge hier unpassend -, der passiert automatisch die sieben Todsünden. Denn die sind filigran und mit viel Detailtreue in die einzelnen Türelemente eingearbeitet. „Die hat mein Freund Ernst Suberg für mich gestaltet“, erzählt „Tuka“. Mit dem bekannten Künstler aus Olsberg-Elleringhausen, der 1987 verstarb, war der Zahnarzt eng befreundet. Er hatte auch die Idee, die Rückseite der Tür mit den jeweiligen Gewerben zu verzieren, die in dem Haus bisher ein Zuhause fanden. Ein harmonisch anmutendes Bild, wie ein Bäcker ein Brot in den Ofen schiebt, steht so direkt neben den martialisch anmutenden „Werkzeugen“ eines Zahnarztes. „Und das hier, das bin ich“, zeigt „Tuka“ auf ein weiteres Feld in der Tür. Erst auf den zweiten Blick erkennt man: Der Doktor werkelt mit seinen Instrumenten im weit aufgerissenen Mund seines Patienten, dessen überdimensionale Augen sind weit aufgerissen.

Und so geht es weiter: Ausnahmslos jeder Holzbalken in der Wohnung von Dr. Grafe ist in irgendeiner Weise gestaltet; einfache, glatte Türrahmen gibt es nicht. Da sitzen Schmetterlinge, Bienen, Frösche, da versucht ein Vogel aus einem Astloch einen Käfer zu ziehen – alles liebevoll aufgemalt und geschnitzt von Ernst Suberg. Auf der Dachterrasse hinter seinem Haus hat sich Dr. Grafe selbst an der Gestaltung der Holzbalken versucht – mit beeindruckendem Erfolg. Lehrer Lämpel, Wilhelm Buschs glückloser Pädagoge, hebt dort mahnend den Zeigefinger, farbenfroh auf altes Holz gemalt.

Die Kunst

Die Dachstreben eine Ecke weiter zeugen jedoch von einer ganz anderen Leidenschaft des Hausbewohners: „Das ist ein nepalesischer Drache, die habe ich dort in Tempeln gesehen“, erklärt „Tuka“, wie es zu der ungewöhnlichen Kombination von deutschem Literaturgut und nepalesischer Fabelwesenkunst kommt. Gleich mehrere Reisen führten Dr. Grafe nach Nepal; von dort stammen auch die kleinen Figuren, für die „Tuka“ eigens kleine Nischen in die Außenwand seines Musikzimmers einbauen ließ. „Da war der Maurer nicht so begeistert, aber es sieht gut aus“, schmunzelt er.

Doch das Musikzimmer birgt noch einen ganz anderen, für Warstein einzigartigen „Schatz“: Ein Cembalo, dessen gesamter Korpus mit Szenen aus dem Alltag der Wästerstadt bemalt ist. Wieder war es Ernst Suberg, der diese Gestaltung für seinen Freund „Tuka“ vornahm. Freudig aufspielende Musiker bei den Kupferhammerkonzerten, ein frisch gepoaläster junger Mann während des Schnadezuges und die Stadtkirche als Mittelpunkt des Ortes: Es sind Impressionen wie diese, die beim Anblick des Cembalos wohl nicht nur Warsteins Ortsvorsteher Dietmar Lange in Entzücken versetzen.

Doch „Grafen Tuka“ beschäftigt viel mehr, dass das Instrument lange nicht mehr gestimmt worden ist. „Das Klavier hier vorne klingt besser“, sagt er und geht durch einen weiteren kunstvollen Türrahmen in den angrenzenden Raum. Nicht ohne darauf hinzuweisen, wer sich am Fuße des rechten Türpfostens verbirgt: Er selbst. „Ja, das soll ich sein“, lacht „Tuka“, „ist doch ganz gut getroffen, oder?“ Aus dem dunklen Holz ragt ein ungefähr 20 Zentimeter hohes Männchen hervor, eine goldene Zange mit einem Zahn in der Hand. „Ganz so schlimm war es ja nicht“, meint Dr. Grafe augenzwinkernd.

Im Flur, kurz vor Ende unserer Hausbegehung, folgt dann noch mal ein Höhepunkt: Eine nepalesische Gebetsplakette hängt dort in friedlicher Koexistenz mit einem Holzkreuz, einer Parkscheibe und den Aufklebern der Warsteiner Abijahrgänge der 1990er – es ist eine ganz besondere „Ehrenpforte“, durch die man „Grafen Tukas“ Wohnung wieder verlässt.