Zu wenig Dialog - Soester Islam-Archiv-Chef kritisiert Muslime

Demonstration gegen Pegida, gegen die Attentate in Paris: Muhammad Salim Abdullah hofft, dass Christen, Muslime und Juden in Deutschlnad nun enger zusammenrücken, hat aber Zweifel.
Demonstration gegen Pegida, gegen die Attentate in Paris: Muhammad Salim Abdullah hofft, dass Christen, Muslime und Juden in Deutschlnad nun enger zusammenrücken, hat aber Zweifel.
Foto: dpa
Muhammad Salim Abdullah führt in Soest das Islam-Archiv, setzt sich für den Dialog von Christen und Muslimen ein. Nun hat er seinen Nachlass geregelt.

Hagen/Soest. „Räume zu vermieten. Geeignet für Pferdeställe oder Gastarbeiter.“ Ein Zeitungsinserat aus den 60er Jahren. Und ein Zeugnis dafür, wie man vor 50 Jahren Einwanderern, insbesondere muslimischen, in Deutschland begegnete. Nur eines von 600 000 Dokumenten, die Muhammad Salim Abdullah im Zentralinstitut Islam-Archiv in Soest aufbewahrt. Eine umfassende Sammlung über den Islam in Deutschland und Europa sowie über die Entwicklung des christlich-islamischen Dialogs.

Eine Sammlung, die ihre Ursprünge 1927 in Berlin hatte; seit 1981 betreut Muhammad Salim Abdullah das Archiv in Soest. Es reicht von der ersten Übersetzung des Korans ins Lateinische aus dem 15. Jahrhundert über den ersten deutschsprachigen Koran aus dem Jahr 1616 (sowie alle weiteren Ausgaben auf Deutsch). Bis hin zum Werk Karl Mays – soweit er über den Nahen Osten geschrieben und so ein krudes Bild der Region geprägt hat. Dazu Filme, Fotos und Bilder, zum Beispiel über die ersten Muslime in den Heeren der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große. Dabei wahrt das Archiv Neutralität.

„Ich habe eigentlich gar nicht viel erreicht.“

Über manches davon kann Muhammad Salim Abdullah heute nur noch lachen. Wie über das Inserat aus den 60er Jahren. „Das glaubt man gar nicht mehr, dass dies einmal in einer Zeitung gestanden hat“, sagt er. Was aber nicht heißen soll, dass es um das Verhältnis von Christen und Muslimen, um den Dialog heute besser bestellt ist. Dieses Gespräch der Religionen mit Christen und Juden zu führen, hat sich Muhammad Salim Abdullah mit dem Islam-Archiv zur Lebensaufgabe gemacht – und ist dafür nun mit der Medaille der Universität Münster ausgezeichnet worden.

Und sagt doch selbst über sein Werk: „Ich habe eigentlich gar nicht viel erreicht.“ Obgleich sich eine Menge getan habe seit den Anschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001. Das sei das „Damaskus-Erlebnis“ der islamischen Verbände gewesen. Damals sei ihnen klar geworden, wie wichtig der Dialog mit Christen und Muslimen sei, so Abdullah.

Zu lange habe man in islamischen Völkern keinen Wert darauf gelegt, Dialog zu führen, glaubt er. Noch immer fehle den Muslimen die Kenntnis darin. Dabei gebe der Koran einen „eindeutigen Auftrag“ zum Gespräch, zitiert Abdullah. Seit 2001 aber sei einiges getan worden.

Keinen Wert auf Dialog gelegt

Und doch offenbar europaweit nicht genug, wie nun die Attentate von Paris vermuten lassen. Es habe so kommen müssen, sagt Abdullah dazu. „Ich war immer besorgt, wenn ich gesehen habe, wie die Muslime in den Vorstädten Frankreichs leben“, sagt er. Der Islam aber rechtfertige solche Anschläge nicht, betont er und zitiert aus dem Koran: „Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet.“

Nachlass geregelt

Nicht viel im Dialog erreicht zu haben – den Eindruck dürften ihm auch die Pegida-Demonstrationen vermitteln. Dabei seien von 4,4 Millionen Muslimen in Deutschland gerade einmal 3000 radikalisiert, rechnet Abdullah vor. Über solche Zahlen und Fakten die Öffentlichkeit zu informieren, auch das hat sich das Islam-Archiv zu Aufgabe gemacht, das regelmäßig Umfragen zur Situation der Muslime in Deutschland durchführt. Angesichts dieser kleinen radikalen muslimischen Minderheit könne man sich in Deutschland wohl kaum bedroht fühlen, sagt er. Und wundert sich über das geringe Selbstbewusstsein der Pegida-Anhänger.

Frustriert aber sei er trotz solcher Rückschläge nicht, betont er. „Man muss immer weitermachen“, sagt der 84-Jährige. Und hat nun doch seine Nachfolge geregelt: Das Archiv soll nach seinem Tod nach Münster gehen, dort an der Universität angesiedelt werden.