Weichen stellen beginnt bereits ab Klasse 5

Das Konzept der Sekundarschule Warstein funktioniert, betonen Stellvertreter Andreas Schauerte und Schulleiter Marcus Schiffer (r.).
Das Konzept der Sekundarschule Warstein funktioniert, betonen Stellvertreter Andreas Schauerte und Schulleiter Marcus Schiffer (r.).
Foto: Manfred Böckmann / WP
Was wir bereits wissen
Die Hauptschule sowie die Realschule sind ein Auslaufmodell im Warsteiner Stadtgebiet. Stattdessen ist im Sommer die Sekundarschule an den Start gegangen. Mit Erfolg?

Belecke..  „Hier sind viele Lehrer mit pädagogischem Herzblut!“, strahlt Marcus Schiffer von der im Sommer an den Start gegangenen Sekundarschule Warstein. Und spricht dabei gar nicht über sein Kollegium, sondern über die Pädagogen, die im Belecker Schulzentrum in der Hauptschule, der Realschule – und eben der Sekundarschule arbeiten. Gemeinsam arbeitet man daran, das Zentrum zu entwickeln.

Entwickeln. Damit müsste Schiffer eigentlich genug im eigenen Hause zu tun haben, schließlich läuft die Sekundarschule als neue Schulform erst seit den Sommerferien, laufen zugleich die Vorbereitungen für die Aufnahme des nächsten Jahrgangs im Sommer. Schiffer ist wichtig, die Verbindung zu halten und zu stärken, gerade auch zu den Kindern. „Hier zählt der Mensch“, das sei nicht nur ein so dahergesagtes Motto, betont Schiffer.

Schritt nach vorne

Die Demografie macht sich bemerkbar, gerade auch bei den Schulen. Weil es einfach immer weniger Kinder gibt. Die Zukunft der Hauptschule und der Realschule? Darüber wollte niemand spekulieren, also erfolgte konsequenterweise der Schritt nach vorne mit der Gründung der Sekundarschule. „Wir sind mehr als zufrieden“, zieht Schiffer im Gespräch mit der WESTFALENPOST zum Jahreswechsel Bilanz. Und bezieht seinen Stellvertreter Andreas Schauerte gleich mit ein. Um zu betonen, dass er nicht einfach sein Stellvertreter sei: Man sei ein Team.

Neu war für Schüler, Eltern und Lehrer der Ganztag. Die Elternzufriedenheit in diesem Bereich liege inzwischen bei 95 bis 97 Prozent, freut sich Schiffer. Immer weiter verbessert wird die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen vor Ort, die „Politik der kurzen Wege“ werde in Belecke von allen gelebt. Und die Eltern mit eingebunden. So gebe es außerschulische Arbeitskreise mit Eltern, ein Förderverein wurde gegründet, Firmen als Unterstützer gewonnen.

Die Sekundarschule sei damit inzwischen „völlig integriert“, habe längst einen guten Ruf auch über die Stadtgrenzen hinaus. Schiffer: „Das ist keine Leistung eines Einzelnen“, dazu gehörten neben den Lehrern und Schülern auch die Eltern und der Schulträger.

Individualisierung wichtig

Besonders wichtig ist dem Schulleiter die Individualisierung. Die Schüler entwickeln Kompetenzen, um das Lernen selbst zu gestalten. Und auch beim Überprüfen läuft alles individuell. Ziel sei schließlich, alle Abschlüsse zu ermöglichen – gegebenenfalls über Kooperationen. Schiffer: „Wir helfen, die Ziele zu erreichen.“

Das geht nur, wenn auch die Pädagogen mitziehen – was in Belecke ohne Ausnahme der Fall ist, verweist Schiffer auf allein drei Konferenzen pro Woche: Teambesprechung, Fachkonferenz und Lehrerkonferenz. Und natürlich wird auch das regelmäßige Gespräch mit den Kooperationspartnern gesucht. So sei etwa das Warsteiner Gymnasium mit 17 Personen in Belecke gewesen. Der Schulleiter: „Wir arbeiten schließlich ab Klasse 5 zusammen. Jetzt werden die Weichen gestellt.“ So sind auch jetzt bereits Verbindungen zu den Berufskollegs vorhanden und auch bei den Fachkonferenzen sind Kollegen zu Gast

Gute Personaldecke

Ein großer Vorteil, die die Sekundarschule in Belecke hat, ist die gute Personaldecke (elf Personen teilen sich zehn Vollzeitstellen). So bleibt auch ausreichend Zeit für Fortbildungen und Gespräche. „Das ist auch eine Sache der Einstellung der Kollegen“, weiß Schiffer, der diese da hinter sich weiß. Denn: „Die Entwicklung in der Schule bleibt nicht stehen.“ Der Unterricht entwickelt sich weiter. Vor allem, weil man bereits feststellen konnte, dass der Reifeprozess bei den Schülern gestiegen ist: „Die Schüler kennen ihr Lerntempo, nehmen die Angebote dankbar an und setzen sie um.“ Das geht sogar so weit, dass die Jungen und Mädchen innerhalb von zwei Wochen selbst bestimmen können, wann sie die Arbeiten in den Hauptfächern schreiben – auch die Reihenfolge legen sie selbst fest. Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich gegenseitig Tipps gibt? Schiffer sieht kein Problem, sondern eine Chance darin: „Dann sprechen die Schüler über den Stoff“ – und lernen so wieder. Es gebe sogar Lernzirkel, die Formeln für die Aufgabenbewältigung entwickelt haben. Schiffer: „Die Schüler nutzen ihre Freiheit im Sinne des Unterrichts aus.“ So überlegen sie, mit welchem Fach sie als erstes in die Prüfung gehen – das motiviere und mache keine Angst.

19 Schulen im Alltag erlebt

Damit das Konzept entstand, wie es jetzt in Belecke umgesetzt wird, erlebte Marcus Schiffer im Vorfeld 19 Sekundarschulen im schulischen Alltag, um daraus das seiner Meinung nach beste Konzept zu entwickeln. Inzwischen kommen künftige (und bereits arbeitende) Sekundarschulen, um sich ihrerseits in Belecke zu informieren. Auch die private Sekundarschule Rüthen habe sich da bereits angekündigt. Schiffer: „Warum soll man immer das Rad neu erfinden?“ Stattdessen sollte man Gutes übernehmen und anpassen.

Ein 24-Stunden-Job

So etwas geht nicht nebenbei: „Das ist ein 24-Stunden-Job, aber zugleich unheimlich motivierend.“ Und wenn die (dann nicht mehr ganz so) neue Schule im kommenden Schuljahr doppelt so groß ist, „wird die Vielfalt größer“, sieht Schiffer dies positiv. Sein Blick geht dabei immer von den Jungen und Mädchen aus, denn „wenn die Schule nicht für die Schüler da ist, dann ist das sinnfrei“. So sind „Schullust statt Schulfrust“ angesagt.