Warten auf eine bessere Zukunft

Niederbergheim..  Es ist dunkel auf dem Parkplatz der alten Schule in Niederbergheim. Nur die Lichter hinter den Fenstern werfen rechteckige Schatten in den Hof. Hinter diesen Fenstern sieht man flüchtige Schatten hantieren. Flüchtlinge, die in der Schule wohnen, sich teils zu dritt ein Zimmer teilen. Hanys Zimmer liegt im Erdgeschoss. Es ist groß genug für ein Stock- und ein Feldbett. In der Mitte steht ein Tisch in Marmoroptik und Ledersessel. Alles sieht zusammengewürfelt aus. In der Ecke steht ein winziger Röhrenfernseher. Hany setzt sich auf einen Holzstuhl. Er trägt eine Trainingshose und Pantoffeln. Seine Kleidung wirkt genauso zusammengewürfelt wie die Einrichtung des Zimmers.

„Ich bin Hany aus Syrien. Ich bin 23 Jahre alt und bin vor einem Jahr und drei Monaten aus Syrien geflohen.“ Damit beginnt er seine Geschichte. Eine Geschichte von Flucht und Gefangenschaft. Sein Zimmergenosse Jwan macht schwarzen Tee, den er in ein Bierglas füllt. Auch er ist aus Syrien, aber sehr still. Lacht nur manchmal. Hany erzählt. „Ich bin aus Syrien geflüchtet, weil die Regierung mich zur Armee schicken wollte. Ich lebte in Dar’a City, das liegt an der jordanischen Grenze“, erklärt er. Er studierte damals an der Tischrin Universität. Hany sagt, dass er Business Man werden wollte.

Nie wieder zurück

Dann flüchtete er. Zuerst in den Libanon, dann in die Türkei. Dort blieb er drei Monate, bis er nach Bulgarien reiste. Sieben Monate blieb er dort. Sieben Monate, die ihm klar machten, dass er nie wieder zurück will nach Bulgarien. „Die Regierung in Bulgarien wollte mich zwingen, meine Fingerabdrücke abzugeben. Ich habe mich geweigert. Deswegen wurde ich von der Polizei in ein Gefängnis gesteckt.“ Die Polizei habe ihn geschlagen und getreten. Irgendwann gab er nach, gab seinen Fingerabdruck. Er wurde verlegt, in ein anderes Gefängnis. Drei Monate verbrachte er dort. Dann ging es in ein Camp, in dem er weitere vier Monate verbrachte, ohne Informationen.

Irgendwann bekam er seine Papiere, seinen Pass und seinen Führerschein. Er reiste nach Deutschland. „Ich hatte Angst, so eine Angst“, sagt er über den Moment, als er im Gefängnis war. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich nach Deutschland will, dass ich raus will. Aber sie haben mich geschlagen.“

Mit seinen Cousins war er unterwegs. Auch sie wurden geschlagen. Hany zeigt ein Video. Es zeigt das Flüchtlingscamp Harmanli in Bulgarien und drei seiner Cousins. Man sieht Polizisten, die protestierende Flüchtlinge brutal zusammendrängen. Sein Cousin erzählt in dem Video in seiner Landessprache. Die Untertitel sind in Englisch: „Wir wollten fliehen. Wir sind durch einen Fluss geschwommen, aber es war so kalt und die Strömung sehr hart. Die Polizei hat uns gefunden und zurück ins Camp gebracht.“

Zwei Anträge gestellt

Hany war auch dort. Jetzt sitzt er im Flüchtlingsheim in Niederbergheim. Zweimal beantragte er Asyl, bekam zweimal eine negative Antwort. Wenn ihm nicht erlaubt wird, in Deutschland zu bleiben, muss er zurück nach Bulgarien. Davor hat er furchtbare Angst. „Ich sollte zurück dahin. Ich habe Karl Spiekermann getroffen, der sich hier um die Flüchtlinge kümmert. Ich habe ihm gesagt dass ich krank bin. Dass ich nicht zurück kann. Ich bin zum Doktor gegangen, weil ich innerlich krank bin. Sehr.“ Als er das sagt, lächelt er unsicher, weiß nicht, wie er seine Gefühle ausdrücken soll. Die Gefahr, zurück gehen zu müssen, macht ihm Angst. Darf er nicht hier in Deutschland bleiben, zieht er es vor, wieder nach Syrien zu gehen. Dann wäre alles umsonst gewesen. In Bulgarien sei das Leben schlimm. Er habe dort keine Zukunft, könne dort nicht leben. „In Bulgarien hat uns die Regierung nichts gegeben, ich hatte kein Zuhause, konnte nicht studieren.“ Das ist sein Traum, weiterzustudieren, sich hier ein eigenes Leben aufzubauen.

Mahmod kommt herein. Hany begrüßt ihn freundlich. Mahmod ist älter als Hany, kommt aus Pakistan. Er setzt sich auf das untere Stockbett und lauscht Hanys Stimme, die leise und unsicher in gebrochenem Englisch von seinen Wünschen nach einer besseren Zukunft erzählt. „Ich habe mich in der Sprachenschule in Soest registriert. Ich mag die deutsche Sprache, vielleicht lerne ich sie deswegen schneller“, hofft er und lacht. Er mag Deutschland. Er möchte Freunde finden, um die Sprache zu lernen, sagt er. Bestimmt auch, um Kontakte zu haben. Sich willkommen zu fühlen. Im Moment kann er nur warten. Warten auf Freunde, warten auf die Schule, warten auf die Zukunft. Er füllt die Zeit damit, für sich selbst zu lernen, sich selbst weiterzubilden. Syrien vermisst er nur manchmal. Er wiederholt: „Ich mag es hier in Deutschland. Ich möchte hierbleiben.“