Warstein hat eine ungesunde Größe

Als ich das erste Mal nach Warstein gekommen bin, hat Josef mit mir eine Fahrt rund um Warstein gemacht, das gesamte Stadtgebiet. Da habe ich erfasst, dass Warstein ein Sammelsurium von vielen Dörfern um ein etwas größeres Dorf ist. Denn ich empfinde Warstein nicht als Stadt.


Die geografische Lage ist sehr ungünstig, um eine gemeinsame Identität zu fördern. Wir haben die beiden Bundesstraßen, die sich schneiden, wir haben das Möhnetal und wir haben Warstein. Belecke liegt am Schnittpunkt der beiden. Das wäre eigentlich die geborene Hauptstadt, eben der Kreuzungspunkt. Aber Belecke hat als solches keine Fläche, um sich zu entwickeln. Von daher wird es nie so eine größere Stadt werden können. Damals hätte Belecke das Potenzial gehabt, die Stadtidentität vielleicht besser zu fördern als Warstein als ‘Hauptstadt’. Heute ist es dafür zu spät.


Warstein ist an sich ein Straßendorf, die Lage ist einfach problematisch. Warstein ist zu groß, um eine Dorfmentalität zu entwickeln, aber zu klein, um eine bedeutende Stadtidentität zu haben. Die Dorfkonferenzen sind die Keimzellen der Identität. Aber es braucht einen Kopf, der diese Keimzellen zusammenfasst.


Wir sind Warsteiner. Wir wohnen gerne in Belecke und sind trotzdem Warsteiner.


Birgit Wüllner, Belecke

Warstein hat eine ungesunde Größe, was Stadt- oder Dorfleben angeht. Es ist ja nicht mehr so überschaubar, was den Zusammenhalt angeht. Das sieht man auch an den Sportvereinen: In Allagen oder in Suttrop ist man „im Sportverein“. In Warstein ist dann sofort die Frage: Wo ist man denn, im TuS, im Tennispark, im Vfs? Es sind immer wieder unterschiedliche Interessen.


Wenn ich von Niederbergheim nach Warstein mit dem Bus fahren möchte, dann sagen die Niederbergheimer zu recht: Da bin ich schneller in Soest. Und emotional wird das ja auch immer wieder gepusht. Da sagen die Möhnetaler: Was interessiert mich, wenn in Warstein ein Sack Reis umfällt? Hinzu kommt, dass vieles auch einfach aus finanzieller Sicht nicht mehr möglich ist. Dann werden Entscheidungen nötig, die diese emotionale Bindung an die Ortsteile noch verstärken.


Wenn ich an die kommunale Neuordnung denke, denke ich auch an die Theateraula in Belecke, die ist 1974 fertig geworden. Das wurde aus der gesamten Stadt angenommen. Hätten wir als Stadt damals diese Theateraula nicht gehabt, wo hätten wir denn den Platz für diese Theateraufführungen gehabt? Wenn man hier in Belecke den Ort hat, der die beste Akustik hat für solche Veranstalungen, dann fahren doch auch die Warsteiner nach Belecke, um Theater zu erleben.


Josef Wüllner, Belecke