Vier Brüder aus Rüthen bauen Firma in Thüringen auf

Die vier Brüder aus dem Sauerland: Matthias, Clemens, Michael und Christian Grafe.
Die vier Brüder aus dem Sauerland: Matthias, Clemens, Michael und Christian Grafe.
Foto: Grafe
Was wir bereits wissen
Die Gebrüder Grafe kommen aus Rüthen. Zur Wendezeit zogen sie in den Osten nach Blankenhain. Dort schufen sie 300 Arbeitsplätze.

Blankenhain.. Was treibt einen echten Sauerländer in Wendezeiten ins ­ferne Thüringen? Besser noch: Was motiviert vier Brüder, dort im eher abgelegenen Kleinstädtchen Blankenhain ein eigenes kleines Unternehmen aufzubauen, das heute im Bereich der Farbpigmente mit knapp 300 Mitarbeitern zu den weltweiten Marktführern zählt?

„Wir waren sozusagen Zwangsvertriebene aus unserer Heimat in Rüthen im Kreis Soest nahe Brilon“, erinnert sich Firmenchef Matthias Grafe, der seit Anfang der Neunziger an der Spitze des Unternehmens Grafe Color steht. An seiner Seite die drei Brüder Clemens, Michael und Christian, die ebenfalls im Management des mittelständischen Unternehmens mitwirken.

Es war Zufall

Doch die Gründe für den Wegzug der vier Jungunternehmer aus der alten Heimat im prosperierenden Westen Deutschlands sind kaum im Politischen zu suchen. „Eher in der Familienpolitik“, erinnert sich Matthias Grafe an jene bewegten Zeiten kurz nach der Wende im Osten Deutschlands.

Mehrere Familien-Stämme der Grafes waren damals darüber in Streit geraten, wie es mit dem väterlichen Chemie-Unternehmen in Zukunft weiter gehen sollte. Da ging es um Anteile, Mitspracherechte und die Verteilung der Lasten auf Onkels, Neffen, Nichten und allerlei andere Familienmitglieder.

Das reichte dann den vier jungen Grafes irgendwann - sie zogen 1991 gen Osten. Matthias Grafe löst heute das Rätsel, warum es ihn und seine Brüder damals nun ausgerechnet nach Thüringen verschlagen hat. Viel Zufall war dabei: „Wir nahmen einfach die Autobahnkarte her und suchten einen möglichst zentralen Ort an der A4. Da fiel die Wahl auf Jena in der Mitte Deutschlands“.

"Spannend aber anstrengend“

Dort kam ihnen zugute, dass sich der clevere Ex-Politiker Lothar Späth gerade zum Spitzenmanager mauserte und mit einer Milliardenspritze des Bundes daran machte, das ehemalige Kombinat Carl Zeiss auf marktwirtschaftliche Beine zu stellen. Firmen wurden ausgegründet, ganze Gebäudekomplexe abgerissen und neue Arbeitsplätze für die hoch qualifizierten Beschäftigten gesucht.

Lothar Späth übernahm die Jenoptik - und Zeiss kehrte ebenso an seine Wurzeln zurück wie die Marke Schott. In dieser Zeit war in Jena alles im Umbruch, was neue Chancen für die vier jungen ­Unternehmer öffnete. „Wir haben in alten Werkhallen der Jenoptik mit der Produktion von Farbpigmenten als Zulieferungen für weltweite Industriebetriebe begonnen“, beschreibt Matthias Grafe den Start als „spannend aber zugleich anstrengend“. Irgendwann wurde der Platz zu klein, das prosperierende Unternehmen Grafe brauchte 1993 einfach größere Hallen.

Eine gute Infrastruktur

Da hatte nun ausgerechnet die 20 Kilometer entfernt gelegene kleine Stadt Blankenhain mit ihren rund 6000 Einwohnern in der Nähe der berühmten Klassikerstadt Weimar einen nicht zu unterschätzenden Vorteil gegenüber anderen Standorten: „Hier stimmte schon die Infrastruktur. Es gab ein modernes Gewerbegebiet mit allem, was man so brauchte“.

Noch heute lobt Grafe die damaligen Kommunalpolitiker für die schnellen Entscheidungen und Millionen-Investitionen in Straßen, Wasser, Abwasser und Kommunikationsverbindungen. Man wisse zwar nicht genau, woher das viele Geld für die Kommune damals her kam - die Firma Grafe aber wusste die Investitionen zu schätzen und siedelte sich an.

Zum Segen der Stadt Blankenhain, die gerade dabei war, wichtige Arbeitsplätze in der alteingesessenen Porzellanfabrik mit dem schönen Namen „Weimar Porzellan“ zu verlieren.

Die Kommune konnte ihr Glück wohl anfangs gar nicht fassen. Wie anders ist zu verstehen, dass die Grafe-Brüder lange Zeit keine Gewerbesteuern zu zahlen hatten.

„Irgendwann rückten wir im Rathaus an und erklärten dem Bürgermeister, wie man einen Gewerbesteuerbescheid zu stellen hat“, erinnert sich Matthias Grafe an die „wilden Zeiten“. Was habe der gestaunt, als er von den neuen Steuereinnahmen erfuhr.

Inzwischen hat sich die Grafe Color Batch GmbH als Firmengruppe längst zu einem kraftvollen und erfolgreichen Unternehmen in der weltweiten Chemiebranche etabliert. Grafe regte aus eigener Kraft die erste Ausbildung von Chemie-Facharbeitern in der Region an, investierte dazu selbst Millionen in Technik wie Ausbildungskapazitäten.

Der Unternehmer Matthias Grafe zählt zu den anerkanntesten Wirtschaftsgrößen der Region und wurde zum Vizepräsidenten der IHK Erfurt gewählt.

Mit den wirtschaftlich sehr erfolgreichen Jahren als Industrieunternehmen in Blankenhain, stürzten sich die Grafes in ein weiteres unternehmerisches Abenteuer: Unmittelbar in der Nachbarschaft bauten sie zwei der landschaftlich schönsten Golfplätze im Osten Deutschlands.

Anfangs mit sehr viel Skepsis betrachtet, zählt die 36-Loch Anlage „GolfResort Weimarer Land“ heute in ganz Deutschland zu einer der modernsten und anspruchsvollsten für Golfspieler überhaupt. Nicht umsonst wurde die sportliche Anlage der Grafes 2013 vom Golf-Magazin zu Deutschlands bestem neuen Golfplatz gewählt.

„Ein Sauerländer halt“

Vor einem Jahr dann folgte die nächste Millionen-Investition: Ein eigenes edles Spa & Golf Hotel mit über 200 Betten und einem riesigen Wellnessbereich.

Inzwischen haben die „Ureinwohner“ Blankenhains längst viele ihrer Vorurteile gegenüber dem „Wessi“ Matthias Grafe und seinen drei Brüdern aufgegeben. Und das nicht nur, weil er viele und sichere Arbeitsplätze geschaffen hat.

Heute sagen die meisten: „Der hat unsere Stadt aus dem Tiefschlaf gerissen. Gut, dass wir ihn haben. Auch, wenn Grafe manchmal kantig ist. Ein Sauerländer halt.“