Text-Bild-Schere

Kennen Sie die „Text-Bild-Schere“? Unter uns Journalisten bezeichnet sie den Widerspruch zwischen dem Bild und dem Text eines Artikels. Beispiel: Würde ich Ihnen in epischer Breite von den Vorzügen der britischen Küche erzählen, dazu aber ein Foto von Ommas gutem Sauerkraut stellen, dann wäre sie da, die Text-Bild-Schere. Auch im Alltag lässt sich diese Schere prächtig anwenden: Wenn man Menschen „in echt“ trifft, die man bisher nur vom Telefon kannte. Das kann manchmal richtig lustig sein. Da hört man die tiefe, sonore Stimme eines gefühlt Mittfünzigers – und plötzlich steht ein kleines, dünnes Männchen vor einem. Toll ist es auch, wenn man selbst „Opfer“ der Text-Bild-Schere wird. Da hört man dann so Sachen wie „Ach, Sie sind das? Sie klangen so jung am Telefon.“ Vielen Dank.


An anderer Stelle habe ich ganz oft diese Momente, dass etwas oder jemand so ganz anders aussieht, als ich es mir vorgestellt habe: Bei Büchern. Es gibt einen guten Grund, wieso ich eine Verfechterin der Linie „Erst das Buch lesen, dann den Film anschauen“ bin. Falls Bücher, die ich gelesen habe, verfilmt werden, ist es in 99 Prozent der Fälle so, dass die Hauptdarsteller optisch so gar nichts mit dem zu tun haben, was ich mir beim Lesen in meinem Kopf vorgestellt habe. Ich hatte mein ganz eigenes Bild davon, wie Lisa aus Bullerbü, Michel aus Lönneberga, Momo, Bastian Balthasar Bux oder die Brüder Löwenherz aussehen.


Und ist das nicht auch das Schöne an Büchern? Dass sie uns in eine Welt entführen, in der wir selbst entscheiden, was wir sehen, wie wir es sehen? Ein guter Autor schafft es meiner Meinung nach, Bilder zu erzeugen, die bei jedem Leser anders ausfallen, sich aber doch in das große Ganze, in die Geschichte einfügen. Ein Filmemacher schafft diese Bilder für alle, er nimmt mir in dem Moment die Arbeit ab, mir mein eigenes Bild zu machen. Keine Frage: ich mag die imposanten Bilder beispielsweise in den „Herr der Ringe“-Verfilmungen. Aber ich mochte auch mein eigenes, kleines Bild, was ich von Frodo und Co. hatte. Da gab es keine Text-Bild-Schere. Die entdecken Sie bei diesem Text hoffentlich auch nicht. Denn geschrieben hat diesen wirklich die Frau, die Sie oben auf dem Bild sehen.