Techno-Papst rettet die Provinz

Der Kulturmanager Dimitri Hegemann
Der Kulturmanager Dimitri Hegemann
Foto: Dimitri Hegemann
  • Dimitri Hegemann hat den Techno-Club Tresor in Berlin gegründet
  • Heute ist er als Kulturmanager weltweit unterwegs
  • Mit dem Projekt Happy Locals will Hegemann Kommunen zeigen, wie sie junge Leute vor Ort halten können

Werl/Berlin.. Dietmar-Maria Hegemann wollte nie weg aus Werl. Doch Ende der 1970er Jahre war in der Wallfahrtsstadt niemand bereit, einigen langhaarigen Jugendlichen Raum für eigene, neue Ideen zu geben. Also zog Hegemann nach Berlin, aus Dietmar wurde Dimitri, und der Rest ist Musikgeschichte. Der Werler gründete den legendären Techno-Club Tresor und ist ein international gefragter Kulturmanager. Heute zieht es den 62-Jährigen wieder in die Provinz. Mit seiner Initiative „Happy Locals“ möchte er der Abwanderung von jungen Leuten entgegenwirken.

Herr Hegemann, uns laufen in Südwestfalen die Jugendlichen weg, obwohl wir gute Arbeitsplätze bieten. Was können wir tun?

Dimitri Hegemann: Man muss junge Leute ernst nehmen. Und man muss ihnen unfertige Räume geben, mit denen sie etwas anfangen können. Dann muss man sie machen lassen. Das ist mein Rat.

Derzeit coachen Sie Bürgermeister. Was passiert da?

Wir wollen den Bürgermeistern die Angst nehmen. Wir laden sie nach Berlin ein und zeigen ihnen mal, wie eine lebendige, vibrierende Stadt funktioniert. In jedem Ort in der sogenannten Provinz gibt es diese jungen Kreativen, die Querdenker. Die sind so wesentlich, damit eine Stadt blüht. Aber die Entscheidungsträger haben oft Angst vor diesen jungen Wilden, oder sie trauen ihnen nichts zu. Unser Anspruch ist es, hier zu vermitteln.

Wie funktioniert die Agentur Happy Locals?

Wir versuchen, zusammen mit den jungen Leuten, Räume zu finden, in denen sie sich austoben können. Es wird total verkannt, welches Potenzial in den jungen Leuten steckt, die eigentlich eine Stadt vor der Verödung retten können. Man muss auch mal was zulassen. Gib der Jugend Raum und Zeit, dann wird das auch was werden. Es geht nicht nur ums Feiern. Die jungen Leute sollen Start ups gründen, Agenturen ins Leben rufen, Nischen finden. Wir brauchen kleine Orte, wo Reibung stattfindet, Orte, die nicht so elitär und bezahlbar sind. Die können zu Leuchttürmen in einer Gemeinde werden. Und es geht darum, die Abwanderung der jungen Intelligenz zu stoppen. Wenn die nämlich kein „Ja“ hören seitens der Bürgermeister /Verwaltung einer Stadt und keinen Raum finden zum Experimentieren, dann gehen sie. Und die Stadt verliert wieder einen Querdenker.

Und Happy Locals vermittelt, wie das geht?

Genau, wir sind alle als Unternehmer in der Kreativwirtschaft tätig. Mir ist es wichtig, mein Wissen weiterzugeben. Wir haben vor, eine Academy for Subcultural Understanding zu gründen, da laden wir junge Menschen, die das Andere suchen, aus Passau oder Kleve nach Berlin ein, und die können - nach bestandenem Interview - bei uns lernen, wie man zum Beispiel ein Kino leitet oder eine Galerie oder einen Club mit wenigen Mitteln aufbaut. Auf diese Leute setze ich. Bedingung ist, dass sie nach erfolgreichem Coaching wieder zurückgehen in ihre Heimat und dort die Welt retten. Gibt man ihnen keinen Raum und keine Wertschätzung, wandern sie in die Großstadt ab, obwohl sie Zuhause gebraucht würden.

Sie bezeichnen sich selbst als Raumforscher.

Raumforschung bedeutet, dass ich in Räume gehe und sie untersuche, ob sie Qualitäten haben oder nicht. Es gibt Räume, die einen derartigen Reiz ausströmen wie das Kraftwerk in Berlin: ein Raum macht 50 Prozent des Erlebnisses bei dem Besuch eines Konzertes aus. Ich schätze Industrieruinen, diese Räume dürfen Schäden haben, Spuren, das gehört dazu. So ein funktionierender Raum kann die ganze Stadt verzücken, so das Menschen von überall herkommen.

Sie haben die Initiative Berlin Soup ins Leben gerufen. Was ist das?

Berlin Soup ist ein öffentliches Dinner. Der Eintritt kostet 5 Euro, dafür gibt es eine Suppe und einen Stimmzettel. Dabei können vier ausgewählte Teilnehmer ihre Projekte innerhalb von vier Minuten aus den Bereichen Kunst, urbane Landwirtschaft, soziales Engagement, Technologie usw. vorstellen. Am Ende stimmen die Besucher ab und das Projekt mit den meisten Stimmen erhält das Eintrittsgeld. Es handelt sich eigentlich um eine soziale Skulptur, bei der Nachbarn sich kennenlernen und um eine Möglichkeit zur Mikrofinanzierung kreativer Ideen. In Detroit entstand die Detroit Soup und hat bislang 160 Mal stattgefunden.

Prima, darf man das nachmachen?

Ja. Die Idee ist gemeinfrei.

Apropos Detroit. Sie retten jetzt auch Detroit durch Kultur?

Detroit hat uns den Techno gegeben, deshalb möchte ich gerne etwas zurückgeben. Wir planen dort mit der Stadt und der Industrie einen Music-District und zwar von der Packard Plant bis zum Motown Museum. Das moderiere ich derzeit. Dazu müssen aber die öffentlichen Strukturen stimmen. Für eine lebendige Stadt ist zum Beispiel der Nighttime-Bereich besonders wichtig. Also für das City-Marketing ist die Frage von entscheidener Bedeutung, insbesondere für junge Startups, ob in einer Stadt eine „night time econmoy“ existiert.

Die Abschaffung der Sperrstunde in Berlin im Juni 1949 hat dazu geführt, dass Leute kamen, die was gemacht haben, das Filmfestival kam, die großen Hotels haben wieder Bälle ausgerichtet. Und deshalb planen wir in Detroit diesen Music-District mit besonderen Schließzeiten.

Wie wichtig ist Kultur, damit eine Stadt funktioniert?

Die Strahlkraft einer Stadt ist abhängig von ihrem Kulturprogramm. Und zwar von der Balance zwischen der Hochkultur und der Off-Kultur. Ich bin ja ein Freund der vielen kleinen Projekte, die zu Keimzellen einer bunten Stadt werden können. Wenn ich in Berlin etwas gemacht habe, wie zum Beispiel den Tresor, bin ich sofort hingegangen und habe einen Gegenclub gegründet.

Dimitri Hegemann hat zum Thema die Denkschrift „Jugend und Kultur. Investitionen in die Zukunft. Happy Locals“ verfasst. Sie ist im Verlag der Jugendkulturen in der Edition Hirnkost erschienen: ISBN 978-3-945398-41-8. www.happylocals.org