Süchte können schon durch Neugier entstehen

Belecke..  Keine Minute, keine Stunde zu viel könne man mit der Erziehung seiner Kinder zu mündigen Bürgern verbringen, ist Sekundarschulleiter Marcus Schiffer überzeugt. Der Tweet einer 17-jährigen Schülerin „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben – in vier Sprachen“ (wir berichteten) sei auch auf andere Alltagsprobleme von Kindern und Jugendlichen übertragbar, denn oft eignen sich sowohl die Heranwachsenden als auch ihre Eltern nur einen theoretischen Blickwinkel auf kleine und große Engpässe im Leben an.

Kommt es jedoch wirklich einmal zu einer schwierigen Situation, in der man direkt mit einer Problematik konfrontiert werde, täten sich viele mit der Entscheidung schwer, wie man sich verhalten und reagieren soll – vor allem mit der Vorbildfunktion für die eigenen Kinder im Rücken.

So auch im Bereich Alkohol, Drogen, Sucht: Sekundar-, Real- und Hauptschule hatten zu einem gemeinsamen Informationsabend für interessierte Eltern eingeladen, denn „für Steuerberatung können wir zwar heute Abend nicht sorgen, aber dazu beitragen, dass ihr Kind in einer verantwortungsbewussten Gesellschaft aufwächst“, so Schiffer, der erste Schritt sei schließlich immer die Informationsweitergabe und anschließend der Austausch mit anderen Eltern.

Bedauert wurde, dass die Veranstaltung nicht auf den Zuspruch stieß, den sich die Organisatoren erhofft hatten; vielleicht ein weiteres Anzeichen dafür, dass das Thema „Sucht“ in vielen Familien kaum thematisiert werde. Doch „wir können nicht um die jammern, die nicht gekommen sind, sondern freuen uns umso mehr über diejenigen, die heute Abend da sind!“

Kurzerhand wurde das Programm für den Abend umgestaltet, statt einer Präsentation auf der Bühne wurde binnen Minuten ein Sitzkreis zusammengestellt – mit zwei Experten, Kornelia Witt vom Kreisgesundheitsamt und Burkhard Pukrop von der Kriminalpolizei, konnte sich in gemütlicher Runde ausgetauscht werden. Auch einige Vertreter der Lehrerschaft der unterschiedlichen Schulen sowie der stellvertretende Schulleiter der Sekundarschule, Andreas Schauerte, beteiligten sich an der Diskussion.

Unterschiedlicher Eindruck

Was ist das überhaupt, „Sucht“? Die Erwachsenen bekamen Zettel ausgeteilt, mit Sätzen wie „Eine Mutter, die ihr zweijähriges Kind mit Süßigkeiten tröstet“, „Ein Schüler, der ohne seinen Energy-Drink morgens in der Schule einschlafen würde“ oder „Ein Vater, der jeden Abend ein Bier trinkt“ beschriftet. In Beratschlagung mit den anderen Eltern sollten sie ihre Zettel nun gestaffelt zu einem von zwei Polen zuordnen – Sucht oder keine Sucht? „Ich hätte mehrere Karten woanders hingelegt“, war aus ein paar Ecken zu vernehmen, nachdem alle Karten auf dem Boden ausgelegt waren.

Wo fängt Sucht an, wo hört Gewohnheit auf? Wenn Cannabis verboten ist, warum ist es dann Alkohol nicht auch? Auf das gesellschaftliche Bild der Konsumgüter komme es an, nichts lasse sich pauschalisieren. Sagt man beim einen zum Beispiel, er isst Süßigkeiten aus Gewohnheit, ist der andere vielleicht schon längst abhängig.

Ständige Erreichbarkeit Stressfaktor

Nicht nur Genussmittel waren Thema im Kreise der Eltern, besonders Smartphones und WhatsApp, die Erreichbarkeit ihrer Kinder rund um die Uhr bereitete einigen Erwachsenen doch teilweise Bauchschmerzen – wo soll das enden?

„Wenn du nicht immer kontaktbereit bist, bist du draußen“, sehen die Eltern das Problem bei der Kommunikation über Medien. Wird über mein Kind hergezogen, wenn es nicht dabei ist? Darf ich Handys und solche Apps verbieten? Denn teilweise werde diese Erreichbarkeit über die Grenze des Freundeskreises hinaus bereits vorausgesetzt. Dann wird in die WhatsApp-Gruppe des Sportvereins geschrieben, dass das Training ausfällt, statt solche Nachrichten über Telefonketten zu verbreiten, wie es früher einmal Regel war.

„Die Kinder werden regelrecht hysterisch wenn man ihnen das Smartphone wegnimmt, als hätte man ihnen das Herz ausgerissen“, „Auf einem Klassenausflug stand einmal die ganze Schülergruppe unter einer Linde, der einzige Ort mit Netz“, berichten Eltern und Lehrer, doch auch selbst geben sie zu, ihren Kindern teilweise diese Eigenschaften auch vorzuleben.

Auch in diesem Bereich kann der Übergang zu Gewohnheit und Sucht fließend sein, ohne selbst etwas davon zu merken.

Es gebe aber auch durchaus Schüler, die eigenständig den Schritt gehen und ihr Handy vor dem Unterricht abgeben, erzählten Lehrer in dem Gesprächskreis. Das Gerät als Kommunikationsmittel könne manchmal ein Stressfaktor sein und man könne sich nur auf andere Dinge konzentrieren, wenn es nicht in erreichbarer Nähe sei.

Sucht durch reine Neugier

Durch schlichte Neugier, durch Ausprobieren, durch Konsum können Süchte entstehen. Aufmerksamkeit und Vertrauen der Eltern seien gefragt, sich einmal die Frage stellen „Geht es überhaupt noch ohne?“ - Erst dann könne der Schritt in Richtung Problem ansprechen und lösen gegangen und sich in zum Beispiel Selbsthilfegruppen miteinander ausgetauscht werden.

„Suchtprävention – leider gibt es Süchte, Gott sei Dank Präventionen“, so Marcus Schiffer. Das offene Umgehen mit dem Thema, so wie es an diesem Abend einige Eltern in der Aula getan haben, kann bereits helfen.