Streik ohne Rücksicht auf die Kinder

Haben kein Verständnis mehr für den Streik in den Kindertagesstätten: Die Eltern und Kinder aus dem Möhnetal demonstrieren vor der Kindertagesstätte Niederbergheim
Haben kein Verständnis mehr für den Streik in den Kindertagesstätten: Die Eltern und Kinder aus dem Möhnetal demonstrieren vor der Kindertagesstätte Niederbergheim
Foto: WP
Die Eltern des Kindergartens Niederbergheim wenden sich mit einem Leserbrief an die Erzieherinnen im Kita-Streik

Kita-Streik..  Liebe Erzieherinnen des Kindergartens Tabaluga, liebe Erzieherinnen im Kita- Streik! Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit ein Kindergarten in Niederbergheim, in dem sich ca. 40 Kinder pudelwohl gefühlt haben. Ein Kindergarten voll Leben, voll Spaß, voll Kinderlachen. Mit Kindern, die in „ihrem“ Kindergarten gemeinsam spielen, singen und ihre Freunde treffen konnten. Die dank Euch, liebe Erzieherinnen, ganz viel lernen durften. Mit Eltern, die ihre Kinder morgens gern vorbei brachten, weil sie sie bei Euch gut aufgehoben wussten. In einen Kindergarten, der in diesem Jahr bereits 40 Jahre alt wird. Mit Erzieherinnen, die engagiert ihrer Arbeit nachgehen. Verzeihung, nachgingen!


Ihr habt Euch entschieden, in den Streik zu treten. Ihr möchtet mehr Anerkennung für Eure Arbeit, verbunden mit einer Umgruppierung, die zur Folge hat, dass Ihr um die 10% mehr Gehalt bekommt. So zumindest die Medieninformation der Verdi vom 20. Mai 2015. Gleichzeitig wird mitgeteilt, dass die Arbeitgeber darauf setzen, den Streik auf dem Rücken von Eltern und Kindern auszusitzen, da sie ihre lange im voraus geplante Mitgliedsversammlung nicht vorziehen möchten. So hört man es aus dem Schreiben heraus.


Damals, als Ihr tageweise Eure Warnstreiks gemacht habt, weshalb der Kindergarten ebenfalls geschlossen blieb, hatten sicherlich noch viele Eltern Verständnis. Zu wenig Einsicht hatte man damals in Eure Forderungen. Und ging davon aus, dass eine Aufwertung Eures Berufsstandes gerechtfertigt sei. Auch, wenn hier schon einige Familien vor einem Betreuungsproblem standen, mühsam erarbeitete Überstunden oder unbezahlten Urlaub nehmen mussten. Oder genauso schlimm, bezahlten Urlaub, der dann an anderer Stelle fehlt. Auch, als der Streik zunächst für eine Woche angesetzt war, haben viele Eltern versucht, die Betreuung der Kinder anderweitig zu organisieren. Denn die Alternative: „Notgruppe“ kam für viele Familien erst garnicht in Frage. Nicht, weil die Organisation eines Betreuungsersatzes einfacher gewesen wäre. Sondern, weil die Bedenken, das Kind in eine Notgruppe zu geben, wo fremde Erzieherinnen es betreuen, während es in fremder Umgebung mit fremden Kindern spielen soll, einfach zu groß waren.


Eine Woche lang, so dachten viele Eltern, kriegen wir das irgendwie hin. Ist ja für einen guten Zweck. Ist ja dafür, dass die Arbeit der Erzieherinnen aufgewertet wird. Dann wurde über die Medien berichtet, dass Euer Streik in die „nächste Runde“ geht. Die „nächste Runde“ für Euch, bedeutete bereits die „k.o- Runde“ für uns.


Alle Eltern, die bis jetzt in irgendeiner Form improvisiert hatten, sahen sich nun einem schier unüberwindbaren Problem gegenüber. Alle Eltern, die dachten, dass eine Woche Streik im sozialen Bereich schon eine Menge wäre und jeder weitere Streiktag eine Zumutung für Eltern und Kinder, wurden eines Besseren belehrt.


Ihr streikt jetzt also auf eine unbestimmte Zeit! Ohne Rücksicht auf diejenigen, um die es hier im eigentlichen gehen sollte. Um die, die Euch Euren Arbeitsplatz sichern: Unsere Kinder. Denen es egal ist, ob jetzt die Arbeitgeberverbände oder verdi daran schuld sind, dass ihr geliebter Kindergarten geschlossen bleibt. Denen es egal ist, dass die Städte sich von verdi nicht unter Druck setzten lassen, sondern sich entspannt zurück lehnen, da sie während der Zeit des Streiks keine Gehälter an die Erzieherinnen zahlen müssen. Die noch nicht verstehen, dass ihre Eltern gerade unter massiven Druck geraten, ihnen trotz der desolaten Situation einen einigermaßen geregelten Tagesablauf bieten wollen. Die nicht verstehen, dass ihre Eltern Kiga- Beiträge zahlen, obwohl sie die zugesicherte Betreuung gerade nicht in Anspruch nehmen können, für Leistungen, die nicht erbracht werden.


Denen es aber nicht egal ist, dass ihnen verwehrt wird, ihre Freunde zu treffen, gemeinsam zu spielen, zu singen, zu basteln, zu lachen, Neues zu lernen und dabei von „ihren“ Erzieherinnnen begleitet werden. Denen es nicht egal ist, dass einige von ihnen in diesem Jahr in die Schule kommen und daher die letzten Wochen, die sie noch im Kindergarten sein durften, nicht mehr dort verbringen können. Denen keiner zuvor gesagt hat: verabschiedet euch schon mal von eurem Kiga, denn es wird vermutlich ein langer Streik, der euch daran hindert, die letzte Zeit vor dem „Ernst des Lebens“ mit euren Freunden zu verbringen.


Denen keiner gesagt hat, dass eine Eingewöhnung der Kleineren in die Gruppen umsonst ist, da nach dem Streik wieder bei Null angefangen werden muss. Denen keiner erklären kann, dass sie die Opfer sind und nicht die Erzieherinnen, die durch ihren unbefristeten Streik ein höheres Gehalt erzwingen wollen. Die nicht verstehen können, dass die Geduld ihrer Eltern und das Verständnis gegenüber der Forderung der Erzieherinnen endgültig am Ende sind. Die einfach nur hören wollen: „Schatz, morgen ist der Kindergarten wieder auf, du darfst wieder spielen!“


Es liegt jetzt also an Euch, liebe Erzieherinnen, wie diese Geschichte endet. Bekommt sie ein happy end oder heißt es: ... und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiken sie noch heute...
Antje Eberhardt, im Namen des Elternrates, Niederbergheim