Sehbehinderung: Heike Ferbers mutiger Kampf um Mobilität

Verschwommene Sicht: Diese Brille simuliert annäherungsweise Heike Ferbers Wahrnehmung. Die 51-Jährige ist an Zapfen-Dystrophie erkrankt.
Verschwommene Sicht: Diese Brille simuliert annäherungsweise Heike Ferbers Wahrnehmung. Die 51-Jährige ist an Zapfen-Dystrophie erkrankt.
Foto: Niklas Preuten
  • Busfahren bedeutet für 51-Jährige puren Stress
  • Heike Ferber ist immer mit Blindenhund Anton unterwegs
  • Viele Taxifahrer weigern sich, die beiden mitzunehmen

Warstein.. Heike Ferber braucht Grappa. Die Flasche soll ein Geschenk sein. Sie zieht ihre braune Lederjacke an, packt das Smartphone und die Schlüssel in die Tasche und schließt die Haustür hinter sich. Eine Viertelstunde dauert die Autofahrt bis zur Weinhandlung in Warstein.

51-Jährige leidet an Zapfen-Dystrophie

Doch Heike Ferber wird mehrere Stunden unterwegs sein. Die 51-Jährige leidet an Zapfen-Dystrophie. Die fortschreitende Netzhautkrankheit lässt ihr im Moment einen Sehrest von zwei Prozent Visus. Im stark verschwommenen Bild vor ihren Augen zeichnen sich schwach die Konturen der grau asphaltierten Straße und der grünen Bäume ab. „Ich bin sehr dankbar dafür“, sagt Heike Ferber.

Sie wohnt mit ihrem Ehemann Rolf in einem sehr ruhig gelegenen Haus in „Pampa City“, wie sie lachend sagt. Fast zwei Kilometer sind es bis zur Bushaltestelle an der Johannesschule in Allagen. Anton, ihr Blindenhund, führt sie konzentriert im Geschirr über Waldwege und von einem Bürgersteig zum anderen. „Er ist mein Engel“, sagt sie über den vierjährigen, schwarzen Labrador, mit dem sie monatelang diese Strecken übte.

Ohne Anton verlässt die Leiterin des Arbeitskreises „Makula“ der „Pro Retina“, der Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen, nie das Haus. Das Smartphone hat sie ebenfalls immer dabei. Darauf sind Apps gespeichert, die verblüffend exakt Farben und Gegenstände erkennen oder auch Texte vorlesen. Jetzt hat Heike Ferber den Guide4Blind geöffnet, den der Kreis Soest entwickelt hat (siehe „Drei Fragen“). Das intelligente Programm sagt den Weg, den einfahrenden Bus und die Haltestellen an. Es ist ein Segen für blinde und sehbehinderte Menschen.

Die Erkrankung bringe ein ständiges Abschiednehmen mit sich, sagt Ferber. „Aber das Allerschlimmste ist, die eigene Mobilität zu verlieren und auf andere angewiesen zu sein, wenn man von A nach B möchte.“ Ihr Ehemann erledigt die meisten Einkäufe. Doch auch die 51-Jährige möchte sich nicht zu Hause verkriechen, so wie sie es tat, als die Krankheit vor sechs Jahren ausgebrochen war. „Ich bin in ein richtig tiefes Loch gefallen“, sagt sie.

Schlüsselerlebnis mit Stock

Ferber lief nur noch mit gesenktem Blick durch die Straßen, bis sie begann, mit dem Langstock zu trainieren: „Ich hatte Angst davor, doch plötzlich merkte ich, wie ich wieder aufrecht wurde. Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen.“

Heute geht eine mutige Frau über den Warsteiner Markt – und eine ehrliche zugleich: „Busfahren bedeutet für mich puren Stress, weil viele Fahrgäste keinen Platz machen und Angst vor Anton haben.“ Sie setzt sich der Situation trotzdem immer wieder aus. Mit Hund und großen Trekkingrucksack macht sich Ferber oft auf den langen Weg zum Soester Bahnhof und zu Seminaren in ganz Deutschland.

„Mit der Bahn reisen ist deutlich entspannter“, meint sie. Beim Umsteigen helfen Mitarbeiter der Bahn, wenn sie den kostenlosen Service rechtzeitig bestellt. Angekommen in Frankfurt, Münster oder Bremen erlebte Ferber allerdings häufig, dass kein Taxi sie und Anton mitnehmen wollte. „Das tut so weh. Es ist diskriminierend“, sagt sie leise. Dann hält der Bus. Zurück in Allagen. Heike Ferber drückt das Kreuz durch und geht mit Anton langsam über die viel befahrene Möhnestraße.