Rüthen stellt sich seiner Verantwortung

Stolpersteine erinnern in Rüthen an die früheren jüdischen Mitbürger, die während der Nazi-Herrschaft ermordet wurden oder anderweitig ihr Leben lassen mussten.
Stolpersteine erinnern in Rüthen an die früheren jüdischen Mitbürger, die während der Nazi-Herrschaft ermordet wurden oder anderweitig ihr Leben lassen mussten.
Foto: Armin Obalskki
Was wir bereits wissen
Stolpersteine erinnern jetzt an die in der NS-Zeit getöteten Rüthener Juden. Rüthen stelle sich seiner Geschichte, sagte Bürgermeister Peter Weiken bei der Verlegung.

Rüthen..  Elf Namen, elf Schicksale, elf Menschen, die durch Menschenwerk in der NS-Zeit einen menschenunwürdigen Tod fanden. Sollten die elf jüdischen Mitbürger, die in Rüthen zur Stadtgemeinde gehörten, bevor sie von den Nazis ermordet wurden oder in jener Zeit zu Tode kamen, in den über 70 seither vergangenen Jahren vergessen worden sein, sind sie nun wieder präsent. Ihre Namen sind auf elf Stolpersteinen verewigt, von denen die ersten sieben am Mittwoch verlegt worden sind. Die übrigen folgen im Frühjahr 2016.

Eines machte die Aktion gestern ganz deutlich: Die Juden in Rüthen waren keine Menschen am Rande der Stadt. Sie lebten mitten unter den anderen Rüthenern — und das sogar an prominenter Stelle. An Hochstraße, Königstraße und Mittlerer Straße hatten sie ihre Häuser und Geschäfte. Dort, wo sie bis zu Deportation und Tod lebten, erinnern nun die Stolpersteine an sie. Sie bringen niemanden zu Fall. Zu sorgfältig arbeitet sie der Künstler Gunter Demnig in das bestehende Pflaster ein. Aber die Blicke und Gedanken bleiben automatisch daran hängen. Dies weiß Franz Kaps nur zu genau. In seiner Zeit in Münster „stolperte“ er vor vielen Jahren erstmals über Demnigs Steine. „Der Blick bleibt immer wieder daran hängen, selbst wenn man anderes im Kopf hat“, berichtet Kaps.

Darauf setzen er und die anderen Mitglieder des Initiativkreises nun auch in Rüthen. Schon 2004 gab es hier erste Berührungspunkte mit dem Projekt Stolpersteine. Vor zwei Jahren dann bildete sich der Initiativkreis, als der Rat sechs Monate später dem Projekt zustimmte, wurde es konkret. Mit der Verlegung der ersten sieben Stolpersteine reiht sich Rüthen nun in ein Projekt ein, das Gunter Demnig als sein Lebenswerk betrachtet. Warum, das machen schiere Zahlen deutlich: 53 000 Stolpersteine hat er bislang in ganz Europa verlegt. Rüthen ist die 1046. Stadt. Wie überall erinnern die Stolpersteine auch hier an „Menschen, die gedemütigt, entrechtet, verfolgt und zu Tode gekommen sind“, worauf einleitend Martin Krüper hinwies. Er zog die Parallele zwischen der NS-Zeit und heute, wo gerade Rüthen durch das Flüchtlingsheim mit vielen solcher Menschen konfrontiert ist, denen Ähnliches widerfahren ist.

Schüler lesen aus Biografien

Verfolgt, gedemütigt, getötet? Moritz Klöckner, Alexander Rinkowski und René Dünschede machten konkret, was dies für die Rüthener Juden bedeutet. Sie haben sich im Friedrich-Spee-Gymnasium und der Maximilian-Kolbe-Schule mit dem Thema beschäftigt und lasen aus den Lebensläufen der Opfer vor, die Mitglieder des Initiativkreises zusammengestellt hatten. So gab es am 10. September 1938 eine Zeitungsnachricht „zum freudigen Ableben des letzten jüdischen Geschäfts in Rüthen“. Die Rede war von der Viehhandlung Pollack an der Mittleren Straße. Zuvor war dem Familienbetrieb bereits die Existenzgrundlage entzogen worden, indem man ihr das Wasser abgestellt hatte. Abraham Pollack war bereits 1939 gestorben, weil ihm jegliche ärztliche Hilfe verweigert worden war.

Zu einem kleinen Disput am Rande kam es bei der Verlegung der Stolpersteine. Bürgermeister Peter Weiken hatte sich erfreut über die Aktion gezeigt. „Freuen Sie sich wirklich“, hielt ihm eine Teilnehmerin entgegen. Nicht über das Leid der Menschen, stellte Weiken klar. Wohl aber darüber, dass sich Rüthen wie auch schon bei der Aufarbeitung der Hexenverfolgt offen seiner Geschichte stelle und außerdem nun Teil des weltweit größten zentralen Mahnmals für die Opfer von Gewaltherrschaft sei. „Ich hoffe, dass diese Steine uns daran erinnern, dass so etwas in Rüthen nicht auch nur ansatzweise wieder Fuß fassen kann.“