Rücksicht nehmen

Kennen Sie das? Sie wollen mal eben vor dem Dienstantritt oder einem Arzttermin schnell noch eine Kleinigkeit einkaufen, schnappen sich Brot und Butter, jagen zur Kasse – und werden ausgebremst. Denn natürlich steht vor Ihnen an der Kasse wieder eine Dame, die den Einkauf für die gesamte Woche erledigt hat und Stück für Stück liebevoll auf das Laufband legt. Yoghurt für Yoghurt, Milch für Milch – und natürlich Käse und Wurst streng getrennt. Dass Sie ob der Mengen, die sich inzwischen auf dem Band türmen, schon etwas verzweifelt gucken – die Zeit bleibt schließlich nicht stehen – wird natürlich geflissentlich übersehen. Dafür säuselt sie beim Bezahlen freundlich: „Ich hab es bestimmt passend.“ Cent für Cent wird aus dem Portemonnaie gekramt, bis – oh, welches Glück – tatsächlich der richtige Betrag auf dem Tresen landet.


Sie haben zu allem Unglück an der Hauptstraße geparkt, den Blinker gesetzt und warten nun darauf, dass Sie ein freundlicher Autofahrer aus Ihrer Parklücke lässt? Träumen Sie weiter. Sie werden feststellen, dass Fahrer und Beifahrer in jede Richtung gucken, aber garantiert nicht in Ihre. Es ist mir sogar schon passiert, dass sich ein Autofahrer, der hinter mir fuhr, mit wildem Gehupe beschwert hat, nur weil ich zwei Autos vom Seitenstreifen gelassen habe. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt einen wild gestikulierenden Mann. Hat der etwa Angst, zehn Sekunden später an der roten Ampel zu stehen, oder was ist sein Problem?


Wäre denn das Leben nicht um einiges leichter, wenn man viel öfter aufeinander Rücksicht nehmen würde? Natürlich hat niemand, der nur zwei Teile einkauft, ein Anrecht darauf an der Kasse vorgelassen zu werden. Aber bricht einem denn wirklich ein Zacken aus der Krone, wenn man jemanden vorbei huschen lässt, während man selbst noch mit Aufpacken beschäftigt ist? Meistens wird man sogar mit einem Lächeln belohnt...


Gleiches gilt nicht nur beim Autofahren, sondern bei so vielen Gelegenheiten: Mal eine Tür aufhalten, mal demjenigen, der eine Straße sucht, den Weg weisen. Kleine Gesten, die kaum Zeit kosten, aber das tägliche Miteinander doch für alle angenehmer machen. Oder irre ich mich?