„Rechtzeitig den Dreh bekommen“

Die Abschlussklasse 2015 der Maximilian
Die Abschlussklasse 2015 der Maximilian
Foto: Manfred Böckmann
Was wir bereits wissen
Das Abschlusszeugnis haben sie am Freitag in der Tasche. Und was machen die Rüthener Hauptschüler dann? Für alle 29 ist die Sache klar.

Rüthen..  Es sind die letzten Tage für die 29 Schüler der Klasse 10 der Maximilian-Kolbe-Schule (MKS). Freitag ist Entlassfeier. Und dann? Ein Fall ins Ungewisse? Mitnichten.

„Das ist in meiner beruflichen Karriere einzigartig“, strahlt Klassenlehrerin Gisela Krohn-Kowoll: Alle Schüler des zehnten Jahrgangs der MKS haben bereits vor der Bekanntgabe der Ergebnisse der Zentralen Prüfungen einen Ausbildungsvertrag in der Tasche oder gehen weiter zur Schule. Das aber nicht, um ein Leerjahr zu „überbrücken“, sondern weil es Voraussetzung ist für den angestrebten späteren Beruf.

Auswirkungen der Demografie

Woran liegt’s? Natürlich ist die Wirtschaftslage so gut wie lange nicht mehr. Natürlich machen sich die ersten Auswirkungen des demografischen Wandels – für die Schüler positiv – bemerkbar, da die Konkurrenz um die Ausbildungsplätze geringer wird. Aber auch, weil die Rüthener Hauptschule systematisch an das Thema Berufsausbildung herangeht und viele Tipps, auch von Berufeinstiegsbegleiter Christoph Sgorzaly (SBH West) kommen. Krohn-Kowoll: „Wer es annimmt, kann schnell Erfolg haben.“

Und den hatten die Schüler. Noch besser: Rund die Hälfte fand eine Ausbildung im „Traumberuf“, andere stellten fest, dass der Traum mit der Realität nicht so viel zu tun hat – und es etwas noch passenderes gibt. Lennart Aslan zum Beispiel. Er wollte ursprünglich „etwas mit Autos“ machen und ist letztlich im Bereich Elektronik gelandet. Ein Praktikum in Geseke zeigte, dass der ursprüngliche Beruf doch nicht so interessant ist. Er wird nun Elektroniker für Betriebstechnik.

An der Größe gescheitert

Alexandra Becker hatte den Beruf der Polizistin im Visier, aber „da fehlte leider die Größe“ – unter 1,63 Meter läuft da nichts. Es wurde gesucht und gefunden – die Altenrüthenerin wird jetzt Zahnmedizinische Fachangestellte. Auch Jan-Niklas Bülow orientierte sich um. Er wollte etwas im Kfz-Bereich machen – wie viele andere Jugendliche. Es hagelte viele Absagen. Aber er gab nicht auf und wird nun Verfahrensmechaniker für Kunststofftechnik. Dass das die richtige Entscheidung ist, weiß er – nach einem Praktikum war der Entschluss klar.

Apropos Praktikum: Rund ein Drittel der Ausbildungsverträge entstanden im Anschluss an ein Praktikum. Künftiger Lehrherr und künftiger Azubi kennen sich bereits und wissen, was sie voneinander haben. Das Angebot, so die Schüler, sollte man nutzen, geben sie ihren Nachfolgern mit auf den Weg. Und: „Sehr früh bewerben!“

Um so mehr Zeit bleibt, weiter zu suchen. Folglich „nicht aufgeben nach ein paar Absagen, weiter bewerben!“ Und bereit sein, Kompromisse einzugehen: Gibt es keinen freien Platz für Elektriker, dann halt für Mechatroniker. Und nicht zuletzt die Hilfe, die es in der Schule gibt: „Das sollte man nutzen, das hilft echt weiter“. Seien es die Gespräche untereinander oder mit den Lehrern oder Berufsberatern. Auch ein Bewerbertraining ist fester Bestandteil der Planung in der Maximilian-Kolbe-Schule.

Nicht nur BO-Koordinatoren

Eingebunden sind dabei nicht nur die „BO-Koordinatoren“ der Schule und damit die Experten für die Berufsorientierung: „Das ist Aufgabe aller Kollegen, das sieht die Hauptschule auch so vor“, so Gisela Krohn-Kowoll gegenüber der WP. Die Frage ist bloß, ob das auch an allen Schulen so gemacht wird? Die Rüthener haben da sogar ein Zertifikat vorzuweisen.

Früh werden erste Online-Tests absolviert, wird das Berufswahl-Siegel erworben. Arbeitsverhalten und Leistungsbereitschaft – und damit die eigenen Stärken – werden früh ermittelt. Und auf verwandte Berufe zum „Traum“ verwiesen. Sgorzaly: „Links und rechts gibt es auch interessante Angebote.“ Was der Einzelne daraus macht, „steht und fällt natürlich mit den Kandidaten“.

Skepsis spornte an

Wie das Paradebeispiel Konstantin: Dass die Mutter skeptisch war, dass Junior den für eine Mechatroniker-Ausbildung erforderlichen 10B-Abschluss schaffen würde, spornte Konstantin nur zusätzlich an. Sein Motto: „Ich werde es machen, weil ich das für den Beruf brauche“. Auch Christoph Sgorzaly ist begeistert: „Der hat eine Quelle aufgemacht, der hat nur so gesprudelt“. Sprich: „Zur richtigen Zeit den Dreh bekommen“.