Psychische Probleme sind kein Tabu-Thema mehr

Laut DAK-Gesundheitsreport haben sich die Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen Depressionen oder anderer psychischer Krankheiten zwischen 1997 und 2012 um 165 Prozent erhöht.
Laut DAK-Gesundheitsreport haben sich die Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen Depressionen oder anderer psychischer Krankheiten zwischen 1997 und 2012 um 165 Prozent erhöht.
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Was wir bereits wissen
Krankschreibungen wegen psychischer Leiden nehmen zu. Die Ursachen sind vielfältig. Den einen stresst das steigende Tempo, anderen fehlt Struktur. Ein Gespräch mit dem Leiter der LWL-Kliniken in Warstein und Lippstadt.

Warstein.. Entwickeln wir uns zu einem Volk von psychisch Kranken? Ist der Wahnsinn bald normal? Die Statistik scheint das anzudeuten: Laut DAK-Gesundheitsreport haben sich die Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen Depressionen oder anderer psychischer Krankheiten zwischen 1997 und 2012 um 165 Prozent erhöht. Aber das könnte drei mögliche Ursachen haben. Erstens: Die Menschen haben sich verändert. Zweitens: Patienten und Ärzte schauen genauer hin. Drittens: Die Kriterien ändern sich – was heute noch als harmlos gilt, wird morgen als seelische Erkrankung behandelt. Und was gilt nun?

Die Frage geht an Dr. Josef Leßmann, seit 27 Jahren in der Psychiatrie tätig, im 18. Jahr Leiter der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt, häufig als Gutachter vor Gericht gefragt. Aber wie das bei wirklichen Experten häufig so ist: Die Antwort fällt nicht völlig eindeutig aus. Leßmann sieht mehrere parallele Entwicklungen. Positiv: Psychische Probleme zu haben, sei kein Tabu mehr. Haus- und Fachärzte diagnostizierten offener – die seelischen Ursachen der Rücken- oder Magenprobleme würden besser erkannt.

Nicht jede Befindlichkeitsstörung ist gleich eine Krankheit

Schädlich dagegen ist für Leßmann die Tendenz, auch dort psychische Krankheiten zu diagnostizieren, wo lediglich ein Unwohlsein vorliege: „Nicht jede Befindlichkeitsstörung ist gleich eine Krankheit.“ Aber die Diagnose biete Vorteile für die Beteiligten: „Das entlastet den Arzt, der etwas Diffuses griffig packen möchte, und den Patienten, der die Verantwortung für sich selbst abgeben und sich fallenlassen kann.“ Wer aber sein Verhalten nicht ändere, keine Initiative ergreife, nicht selbst aktiv werde, könne nicht gesunden: „Das führt zum Verharren im gemütlichen Elend.“

Arbeitsmedizin Mit noch mehr Sorge betrachtet Leßmann aber gesellschaftliche Entwicklungen, die eine zunehmende Zahl vor allem junger Menschen in Existenzkrisen, Kliniken und Therapien treibt. Entgegengesetzte Typen mit überraschend ähnlichen Symptomen. Der 56-jährige Psychiater konstatiert eine „Polarisierung des Lebens“. Auf der einen Seite: Fülle. Die Leistungsbereiten. Immer mittendrin, möglichst oben, immer sichtbar. Das Tempo steigt, die Verdichtung (von Arbeit und Beziehungen) nimmt zu, Flexibilität ist selbstverständlich, Instabilität die Folge. „Aber wie lange halten wir das aus?“, fragt Leßmann. Diese ständige Verfügbarkeit und Erreichbarkeit, diese Informations- und Kommunikationsflut? Wohl kein ganzes Arbeitsleben. Weil wir dafür nicht eingerichtet sind. Leßmann: „Die Evolution hat nicht genügend Zeit gehabt, Anpassungsschritte zu selektieren.“

Junge Menschen haben zu wenig Struktur

Das gilt auch für den Zustand, den der Arzt der Fülle gegenüberstellt: die Leere. Die Minderleister. Mit den Stichworten Sinnleere, Perspektivlosigkeit, Entscheidungsschwäche, Selbstwertprobleme, Verunsicherung und Angst, Vereinsamung, Identitätsstörungen, Sehnsucht nach Ablenkung und Gemeinschaft, die zur intensiven Nutzung sozialer Medien führt. „Junge Menschen verwahrlosen, brauchen vermehrt gesetzliche Betreuung“, beobachtet Leßmann. Und die Ursachen? „Sie haben zu wenig Struktur gelernt. Ihnen fehlen Zuverlässigkeit und Geborgenheit, Vorbilder für Verantwortungsbewusstsein. Sie haben Probleme mit Respekt und Leistungsbereitschaft.“ Eltern und Lehrer scheuten vor Konsequenz und Konfrontation zurück, delegierten Probleme an Ergotherapeuten oder andere Experten.

Stress Aber die Gereiztheit und die Erschöpfung, die emotionale Instabilität, die geringe Beziehungsfähigkeit, die erlebt Leßmann bei beiden Gruppen: „Es sind unterschiedliche Hamsterräder, aber ähnliche Effekte.“ Es handelt sich ja auch um ähnliche Grunderfahrungen: „Es gibt keine Ruhephasen, alles wird hinterfragt und ist fragil – die Familie wie das Berufsleben.“ Die Überforderung mit Reizen und durch Geschwindigkeit - ist sie zwangsläufig? Veränderbar? Josef J. Leßmann, der täglich die Ergebnisse dieser Entwicklung sieht, zwingt sich zum Optimismus: „Wir müssen das thematisieren. Es kann so nicht weitergehen.“