Poetisches auf der Stadtmauer

Rüthen..  Vom Wetter her hätte es der Osterspaziergang sein können, der Gang über die gepflegte Stadtmauer-Promenade mit Altmeister Johann Wolfgang Goethe als imaginärer Gästeführer. Johann Claßen fand als Rezitator wieder einmal eine große Panorama-Bühne mit entsprechender Kulisse vor, auf der einen literarischen Rundgang durch Goethes Frühling inszenierte.

Veranstaltet wurde der Spaziergang durch die Romantik vom Kulturring Rüthen in Kooperation mit der Christine-Koch-Gesellschaft. Erfreut war Kulturrings-Vorsitzender Rolf Gockel, eine große Anzahl Interessierter begrüßen zu können.

Romantik und Sturm und Drang

Der junge Johann Wolfgang studiert um 1770 in Straßburg, und bereits dort gibt er ein kleine Volkslieder-Sammlung heraus, seine Gedichte sind in schlichter Vers- und Reimform gehalten, und sie sind lautmalerisch voller Poesie: „Der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickende Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf,“ lässt Goethe seine Heldin Lotte in „Die Leiden des jungen Werther“ sprechen.

Vorstellen konnten sich die Zuhörer wie der Student Goethe beinahe täglich die 40 Kilometer auf seinem feurigen Ross zum Pfarrhof ritt, um seine Friederike Brion zu treffen, „Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe ihr Hals zu zart“, schwärmte er.

In der ersten Fassung von „Willkommen und Abschied“ erfährt man viel über Goethes Gefühlsleben, wenn er im übervollen „rosenfarbenen Frühling“ ausruft, nachdem er ihr mit nassem Blick nachgeschaut hatte: „Und doch, welch Glück! Geliebt zu werden.“

Später dann der gesetztere, lebenssatte Dichterfürst, den Clasen ebenfalls auf der Stadtmauer rezitierte: „Der du von dem Himmel bist, alles Leid und Schmerzen stillest. Den, der doppelt elend ist, doppelt mit Erquickung füllest. Ach, ich bin des Treibens müde.“

Ja, Goethe kann auch heute gelesen werden; er kann Aufbauhilfe sein im tristen Alltag, dann nämlich, wenn man das von Hans Claßen herausgegebene Hausbuch für den Leser „Ein rosenfarbnes Frühlingswetter“ mit Liedern, Balladen und Sprechgedichten auf dem Tischchen an seinem Lieblingssessel jederzeit parat hat.