Pöggelers Rolle in NS-Zeit bleibt umstritten

Diskussionen unter der Bürgermeistergalerie über Franz Pöggeler, der nicht dazugehört: Nikolaus Filip (vorne links) verteidigt das Verhalten des damaligen Bürgermeisters in der NS-Zeit.
Diskussionen unter der Bürgermeistergalerie über Franz Pöggeler, der nicht dazugehört: Nikolaus Filip (vorne links) verteidigt das Verhalten des damaligen Bürgermeisters in der NS-Zeit.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Die Rolle, die Franz Pöggelers als Bürgermeister Rüthens während der NS-Zeit, spielte, bleibt auch nach einem Informations- und Diskussionsabend umstritten.

Rüthen..  Räumlich betrachtet geht es um nichts Großes, eine Sackgasse am Rand der Stadt, umstanden von einer Hand voll Häusern. Was daraus eine große Sache macht, ist der Namensgeber dieses Sträßchens: Franz Pöggeler, während der NS-Zeit neun Jahre (1933 bis 42) Bürgermeister in Rüthen. Einen solchen herausragenden Vertreter des Regimes zu ehren, geht den Anwohnern der Straße – und vielen anderen – gegen den Strich. Andere wiederum betonen die menschliche Seite Pöggelers. In diesem Spannungsfeld bewegte sich die Diskussionsveranstaltung über Pöggeler und seine Rolle im Nationalsozialismus.

Zuallererst zeigten viele freie Plätze im Rathaussaal, dass das Thema Pöggeler nicht jeden bewegt. Täter, Mitläufer, oder gar Helfer bedrängter Rüthener? Die Sichtweisen klaffen weit auseinander. Auf die Aktenlage stützt sich Dr. Hans-Günther Bracht. Seine aktuellen, aus Archiven zusammengetragenen Forschungsergebnisse brachten die Diskussion über die Umbenennung der Straße im Februar ins Rollen. Gefunden hat er zahlreiche von Franz Pöggeler unterschriebene Dokumente, die zur Denunzierung und auch Deportation von Rüthenern, die dem Regime unliebsam waren, führten. Diesem hatte er, das ist belegt, treue Ergebenheit versichert. „Wir haben eine Reihe von Leuten, die wegen Pöggeler ins KZ gekommen sind – denen müsste man Schilder aufstellen“, so Bracht.

Die Frage nach den Alternativen, die dem damaligen Bürgermeister blieben, warf Nikolaus Filip auf: „Wie weit kann ein Mensch sich einem Regime entgegenstellen, dem alle zujubelten?“ Franz Pöggeler, so die Überzeugung von Hans Luigs, dem Ältesten im Saal, habe keine Möglichkeit gehabt, seine Unterschrift unter ihn heute kompromittierende Dokumente zu verweigern. Von führenden Rüthener Nazis seien ihm diese sogar heimlich untergeschoben worden.

Nur mündliche Überlieferung

Versucht haben soll er es, einigen Mitmenschen zu helfen – nur ist dies allenfalls durch mündliche Überlieferung weniger noch lebender Zeitzeugen oder deren Nachkommen belegt. So berichtete Annemarie Markmann von „acht Personen, die nicht der Euthanasie zugeführt wurden, weil Pöggeler sich für sie eingesetzt hat“. Nicht alle, die der Partei angehört hätten, könne man als Nazis abstempeln. Manchmal, so war zu hören, bestand die Hilfe auch nur darin, dass Pöggeler dem Vater riet, in die Partei einzutreten, um seine behinderten Töchter zu schützen.

Das Kernproblem: Es gibt darüber nichts Nachprüfbares. Helene Hermes brachte dieses – aus ihrer Sicht – Dilemma auf den Punkt: „Gute Taten finden sich nicht in Akten, noch Archiven. Sie finden sich nur in den Herzen der Menschen.“ Zugleich sprach sie allen Kritikern das Recht ab, über Franz Pöggeler zu urteilen. Barbara Diemel warnte zur „Vorsicht bei der Verurteilung von Menschen, die sich nicht mehr wehren können“.

„Wir sind nicht gekommen, um über Franz Pöggeler zu Gericht zu sitzen“, machte Franz Kaps deutlich. Dem Richter im Ruhestand geht es wie vielen nur darum zu klären, „ob eine Ehrung durch eine Straßenbenennung angebracht ist“. Heidi Risse, eine der Antragstellerinnen, findet: „Nein, der Name ist nicht mehr tragbar.“ Die Frage nach dem „Sinn einer Ehrung, wenn seine Taten nicht für den Geehrten sprechen“, warf eine Gymnasiastin als Jüngste derer auf, die sich zu Wort meldeten.

Schwierige Suche nach Antwort

Mit der Antwort darauf müssen sich nun die Politiker befassen. Was Wolfgang Helle, der 1977 den einstimmigen Ratsbeschluss für die Straßenbenennung mit fasste, aus damaliger Sicht für richtig hielt, sollte nach Jürgen Augustinowitz’ Ansicht heute revidiert werden. Für sich selbst hat Bürgermeister Peter Weiken noch keine Antwort gefunden. Einen Kompromiss regte Bernd Cordes (SPD) an: Eine Ergänzung des Straßenschildes um Informationen zu Pöggeler. „Verschwindet der Name, ist auch die Diskussion über seine Person zu Ende“, befürchtet er. Die Anlieger jedenfalls bleiben bei ihrem Antrag. „Für uns hat sich nichts geändert“, betonte Dr. Kurt Haupt.