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Schonarbeitsplatz statt Bett für kranke Mitarbeiter einer Firma aus Lippstadt

04.04.2013 | 18:38 Uhr
Schonarbeitsplatz statt Bett für kranke Mitarbeiter einer Firma aus Lippstadt
Gewerkschaften und Mediziner sind empört: Eine Firma aus Lippstadt bittet Ärzte, ihre Mitarbeiter nur teilweise krank zu schreiben.Foto: dapd

Lippstadt.   Als Reaktion auf eine Grippe- und Erkältungswelle hat eine Firma aus Lippstadt Ärzte aufgefordert, ihre Arbeitnehmer nur teilweise krank zu schreiben. Im Bangen um die Produktion wolle man erkrankten Mitarbeitern "Schonarbeitsplätze" anbieten. Die Brief-Aktion sorgt jetzt für reichlich Ärger.

Gewerkschafter und Mediziner empfinden die Brief-Aktion des Lippstädter Molkereizulieferers Satro als ungeheuerlich: Die Firma hat Hausärzte und Krankenhäuser angeschrieben und aufgefordert, erkrankte Mitarbeiter nur teilweise krank zu schreiben. Im Gegenzug sollen Betroffenen auf freiwilliger Basis Schonarbeitsplätze angeboten werden.

Elke Preißler von Satro hat „die ganze Angelegenheit“ mehr als „überrascht“: „Wir haben mit so einer riesigen Welle nie und nimmer gerechnet.“ Mit Welle meint die Sprecherin der Firma mit 290 Mitarbeitern das Medienecho. Das Telefon stehe nicht mehr still.

Dabei, so Elke Preißler, sei die „ganze Sache“ doch nur durch die Anfragen mehrerer Mitarbeiter ins Rollen gekommen: „Bei uns haben sich einige krank geschriebene Mitarbeiter gemeldet. Die wollten nicht mehr nur so zu Hause rumsitzen und fragten nach, ob sie leichteren Tätigkeiten nachgehen könnten.“ All das sei dem Milchzulieferer sehr zupass gekommen, da die Grippewelle bereits große Lücken in die Personaldecke gerissen hätte.

Briefe an Hausärzte und Krankenhäuser dienten zur Information

 „Wenn jemand, der unter einer Fußprellung leidet und seine Arbeitsschutzschuhe nicht tragen kann, trotzdem arbeiten möchte, dann finden wir etwas passendes für ihn.“ Die Briefe, die Hausärzte und Krankenhäuser in Lippstadt erreicht hätten, seien zur reinen Information gedacht. In die Absprachen zwischen Arzt und Patient werde man sich nicht einmischen.

Die Idee mit den Schonarbeitsplätzen sei nach der Anfrage einiger Mitarbeiter wie von selbst gekommen, erklärt Elke Preißler. Sie betont dabei das Wort „Freiwilligkeit“ mehrmals. „Wer den Schonarbeitsplatz nicht akzeptiert, hat nichts zu befürchten.“

Dr. Heinz Ebbinghaus von der Ärztekammer Westfalen-Lippe äußert sich sachlich zu dem Fall: „Die Empörung hat sich in den letzten Stunden ein wenig gelegt.“ Er empfindet die Aktion der 100-prozentigen Campina-Tochter allerdings als Vertrauensbruch: „Unterschwellig wird den Ärzten unterstellt, sie könnten einen arbeitsunfähigen Bürger nicht von einem arbeitsfähigen unterscheiden.“ Die Brief-Aktion grenze an Manipulation. Firmen sollten nicht ins Hoheitsrecht der Mediziner eindringen. „Wenn wir eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung unterschreiben, dann denken wir uns auch etwas dabei.“

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Bei so manchem Chef, so Ebbinghaus, habe sich die Vorstellung, dass man trotz Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung noch arbeiten könnte, verfestigt. „Aber ein bisschen schwanger gibt es nicht.“ Er befürchtet, dass die Arbeitnehmer durch solche „unbedachten Handlungen“ verunsichert werden und krank weiterarbeiten. „Aus einem leichten grippalen Infekt kann schnell ein bakterieller wie eine Lungenentzündung werden.“ Dann, so der Mediziner, falle der Arbeitnehmer noch länger aus.

„So einen krassen Fall habe ich noch nicht erlebt“, empört sich Manfred Sträter von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Und das würde etwas heißen. „Immerhin bin ich seit 1977 Gewerkschaftssekretär.“ Er sagt: „Da will jemand auf Kosten der Arbeitnehmer Krankheitstage senken.“

Brief öffentlich ausgehängt

„Ich dachte, die Zeiten, in denen ein Herr Norbert Blüm vergeblich die Teilarbeitsfähigkeit forderte, seien vorbei“, stellt Sträter fest. Das Vorhaben der Lippstädter Firma bezeichnet er als „völliger Blödsinn“. Ärzte und Arbeitnehmer würden dreist unter Druck gesetzt. Der Gewerkschafter kritisiert auch, dass die Leitung des Molkereizulieferers den Brief an die Ärzteschaft in der Region öffentlich im Betrieb ausgehängt habe. Das spreche für sich. „Als motivierend kann man das nicht bezeichnen.“

Rudi Pistilli

Kommentare
06.04.2013
23:20
Schonarbeitsplatz statt Bett für kranke Mitarbeiter einer Firma aus Lippstadt
von Karl-Napp | #53

Das ist heutzutage das große Problem, dass die Angst vorherrscht von den Arbeitnehmerausbeutern entlassen zu werden. Und das dann noch bei...
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