Nur ein Balkon erinnert noch an einstige Zierde der Stadt

Unsere Hauptstraße: Altes Rathaus, Ansicht von der Hauptstraße
Unsere Hauptstraße: Altes Rathaus, Ansicht von der Hauptstraße
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Das alte Rathaus an der Hauptstraße ist seit fast 50 Jahren aus dem Stadtbild verschwunden. Dennoch findet sich heute noch ein Hinweis auf seinen einstigen Standort.

Warstein.. Nein, eine Republik wurde von diesem Balkon noch nicht ausgerufen. Dennoch kommt diesem vielleicht zwei Meter langen Konstrukt am heutigen Rathaus eine ganz besondere historische Bedeutung zu. Erinnert es doch an eine Zeit, in der man von der Hauptstraße aus „aufs Amt“ ging. Der – zugegebenermaßen wenig attraktive – Balkon des Sitzungssaales überblickt Warsteins Lebensader, die kleinen Butzenfenster geben der Freiluftempore einen Hauch von Staats-Repräsentation. Und dieser Balkon ist der Grund, wieso das heutige Rathaus in einer Serie über die Hauptstraße überhaupt auftaucht, obwohl es doch eigentlich an der Dieplohstraße liegt.

Es war der Warsteiner Architekt Heinrich Stiegemann, der dieses Detail in seine Planungen für einen Rathaus-Neubau 1967 einbezog. „Er baute immer mit einem Hang und Bezug zur Vergangenheit“, weiß Ortsvorsteher Dietmar Lange über Stiegemann zu berichten, „deswegen plante er vielleicht auch diesen Balkon in Erinnerung an das alte Rathaus.“

Denn der erste Vorgänger des heutigen Grünsandstein-Baus lag direkt an der Hauptstraße, ein klares Zeichen des Selbstbewusstseins der Stadt Warstein. „Ein Rathaus repräsentiert immer das gesellschaftliche Leben einer Stadt“, erklärt Lange, „damals vielleicht noch viel mehr als heute.“ „Damals“ – das war 1833: In diesem Jahr begannen die Bürger Warsteins, ihr neues Rathaus zu bauen. Das alte Rathaus stand bis 1803 unmittelbar westlich vor der Alten Kirche. Ob das mittelalterliche Gebäude, wohl verziert mit Wildschweinköpfen und im typischen Fachwerkstil, durch den großen Stadtbrand in der Silvesternacht 1802 in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist nicht erforscht.

Erste „kommunale Neuordnung“

Fakt ist: Mit dem Beginn der ersten größeren kommunalen Neuordnung ab 1829 brauchte die Wäster­stadt ein größeres, ein prunkvolleres Rathaus – eben eines, was den Anspruch und das Selbstverständnis der Stadt widerspiegelte. Die „Bürgermeisterei Warstein“ sollte einen Sitz bekommen, der als Mittelpunkt und Zierde der Stadt gelten konnte. „Ab 1828/29 gehörten Belecke und das Möhnetal dazu, 1838 kam Hirschberg hinzu, bis wir 1844 dann das ‚Amt Warstein’ hatten“, erzählt der Historiker Dietmar Lange von dem Prozess, der sich gut 130 Jahre später wiederholen sollte. Das „Amt Warstein“ zog in das von der Stadt errichtete Rathaus an der Hauptstraße – und mit Carl Gutjahr wohnte auch der erste hauptamtliche Bürgermeister, der vom Staat Preußen eingestellt wurde, in dem Gebäude.

Wohnort des Amtsmannes

Weichen musste für das neue Symbol lokalpolitischer Größe lediglich ein altes Spritzenhaus, das bis dato an dem Ort stand. Nun prunkte an diesem exponierten Platz ein klassizistischer, zweigeschossiger Bau mit einem doppelflügligen Eingang, der ebenso wie die sieben Fensterreihen auf die Hauptstraße hinausführte. Ein schmuckes Zuhause für den jeweiligen Amtmann, wie der erste Mann des Amtes und oft gleichzeitiger Bürgermeister beziehungsweise Stadtvorsteher Warsteins damals genannt wurde. Auch der in Warstein noch heute bekannte Amtmann Johann Ernst August Koffler wohnte seinerzeit dort – und damit direkt über seinem Dienstort. In jener Zeit – Mitte des 19. Jahrhunderts – dürfte ihn der Verkehr auf der Hauptstraße noch wenig gestört haben.

1879 bekam das Gebäude eine erweiterte Funktion: Mit der Neuordnung des Gerichtswesens im Königreich Preußen zog auch das für Warstein zuständige Amtsgericht mit in das Rathaus-Gebäude. Schon seit 1850 hatte die Gerichtskommission im Erdgeschoss ihr Domizil. 1903 war diese „Wohngemeinschaft“ jedoch beendet: Die Stadt baute ein neues Rathaus als eigenständiges Gebäude mit mehr Platz.

Nicht nur die Zeit von Amtsgericht und Rathaus unter einem Dach war damit Geschichte, auch die Ära eines Rathauses mit Eingang zur Hauptstraße ging damit zu Ende: Das neue Rathaus entstand auf dem Dieploh.

Noch vor der erneuten kommunalen Neuordnung 1975 war jedoch auch dieses Gebäude zu beengt und oftmals überlegte man, wie und wo man ein neues Domizil für das „Amt“ errichten könnte. „Im Grunde waren beide Gebäude zu klein für die Verwaltung – sowohl das Amtsgericht an der Hauptstraße, aus dem man in die Bergenthalsiedlung gewichen war, als auch der Neubau von 1903 im Dieploh“, kennt Dietmar Lange die Diskussionen, die 1967/68 endeten. Was passierte, tut nicht nur dem Ortsvorsteher bis heute in der Seele weh: Beide Gebäude wurden abgerissen, um Platz für einen „neuen Neubau“ eines „Amtshauses“ zu schaffen.

„Es gab wohl erst noch Überlegungen, das Gebäude an der Hauptstraße zu erhalten, aber leider wurden diese nicht weiterverfolgt“, bedauert Lange den Abriss, „heute stünde ein solches Gebäude unter Denkmalschutz.“ Dabei hat Lange eigentlich eher wenige Erinnerungen an das Gebäude, was er als Amtsgericht kennenlernte: „Es war für mich irgendwie immer ein dunkler, distanziert wirkender Bau. Vielleicht ging es vielen Leuten, auch den zuständigen Stadtplanern, ähnlich. Aber heute bin ich mir sicher: Zehn Jahre später wäre das nicht mehr abgerissen worden.“

Heute, fast 50 Jahre nach dem Abriss, bleibt nur der graue Balkon, der an den einstigen Mittelpunkt und die Zierde der selbstbewussten Stadt Warstein erinnert – mit Blick auf jene Straße, deren Weg sich ungeachtet der Veränderungen an ihren Flanken seit Jahrzehnten durch die Wästerstadt schlängelt.