NS-Zeit in Rüthen endet am Auferstehungstag im April 1945

Anton Schlüter, 86 Jahre alt, berichtet über die Befreiung Rüthens Ostersonntag 1945 durch die Amerikaner.
Anton Schlüter, 86 Jahre alt, berichtet über die Befreiung Rüthens Ostersonntag 1945 durch die Amerikaner.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Anton Schlüter erlebte als 16-Jähriger den Einmarsch der Amerikaner in Rüthen mit. Detailliert hat er das Geschehen vor 70 Jahren aufgezeichnet.

Rüthen.. Es war Ostersonntag und es wurde in Rüthen an diesem Tag auch Erstkommunion gefeiert. Dies alles aber interessierte Anton Schlüter an jenem Apriltag des Jahres 1945 wenig. Amerikanische Truppen standen vor und bald auch in der Stadt. Dies zog vor 70 Jahren die Aufmerksamkeit des heute 86-jährigen Zeitzeugen und seiner Freunde aus sich. Im Gespräch berichtet es aus jenen Tagen um den 1. April 1945. Wobei er vieles längst schriftlich fixiert hat.

40 Tage je zwei Stunden habe er daran gesessen, berichtet der Maurermeister im Ruhestand. Damit hat er auch ein Stück Familiengeschichte festgehalten, was für ihn auch Motivation für diese Fleißarbeit war. Aus einer kinderreichen Familie aus der Oesternstraße stammend, musste er miterleben, wie drei seiner Brüder zur Wehrmacht eingezogen wurden, zwei davon im 2. Weltkrieg fielen. „Es geht nicht um die große Weltpolitik, sondern um uns“, sagt er.

Funkanlage im Mühlenturm

Als sich der Ruhrkessel am 1. April 1945 bei Lippstadt schloss, rückten amerikanische Soldaten in einer fächerförmigen Bewegung auch nach Rüthen vor. Bereits am Karfreitag habe man aus dem Garten der Familie an der Stadtmauer durch die noch laublosen Bäume Panzer, Lkw und Geschütze auf der Möhnestraße gesichtet, die auf dem Weg zum Ettinger Hof waren. Der Blick durch ein Fernglas des Nachbarn brachte Sicherheit: „Auf einmal war alles klar: Amerikaner!“, erinnert sich Anton Schlüter. Ihre Stoßrichtung führte zunächst in Richtung Meiste und Hemmern zur Spitzen Warte. Im dortigen Mühlenturm hatten die deutschen Soldaten eine Funkanlage installiert. Von dort habe man kurz nach Mittag einen heftigen Schusswechsel und Rauchwolken bemerkt.

Am Ostersonntag gingen Anton Schlüter und seine Schulfreude Rudi Kirsch, Josef Kannengießer und Fritz Siebecke dem Ganzen auf die Spur. Von Angst keine Rede. Nein, Neugierde habe sie angetrieben, sagt Schlüter, neben Siebecke der einzige noch Lebende des Quartetts von damals 15- und 16-Jährigen. Brandgeruch einer teils abgebrannten Scheune und zerschossene deutsche Militärfahrzeuge entdeckten sie am Weg – dann aber rasselnde Geräusche aus Richtung Meiste.

Nahe der Meister Linde traf man aufeinander, durch das Winken mit weißen Taschentüchern gaben sich die Jugendlichen den Amerikanern als unbewaffnete Zivilisten zu erkennen. Sie mussten sich in den Graben ducken und dienten schließlich einem amerikanischen Offizier als Informationsquelle. „Er sprach ein bisschen Deutsch und wollte wissen wie viele Panzer, Soldaten, SS, Volkssturm und Geschütze es in Rüthen gibt“, erinnert sich Anton Schlüter. Auch ob die Bevölkerung auf Widerstand eingestellt sei.

Blockschokolade zum Dank

Die Jugendliche gaben Auskunft: Etwa 80 deutsche Soldaten, kein großes Kriegsgerät seien in der Stadt und ja, das Gebäude mit dem großen Roten Kreuz (früher Aufbauschule, heute Gymnasium), sei tatsächlich ein Lazarett und keine Kaserne. „Der Offizier und seine Begleitung glaubten uns. Als Dank bekamen wir Blockschokolade.“

Aufmerksam verfolgten die vier jungen Rüthener den weiteren Vormarsch der Amerikaner. Panzersperren aus Baumstämmen, errichtet an den vier Zufahrtsstraßen zur Stadt, konnten die Panzer nicht aufhalten. „Die deutschen Soldaten, ausgerüstet nur mit Gewehren, waren sicher überrascht von der Übermacht der Amerikaner“, erinnert sich Anton Schlüter. Und: „Nach etwa zwei Stunden war das Kampfgeschehen zu Ende.“ Am Abend dann sahen er und seine Freunde, wie amerikanische Lkw deutsche Soldaten, jetzt Kriegsgefangene, in Richtung Meiste, wo es eine Sammelstelle gab, zum zentralen Lager nach Brilon abtransportierten.

In Werkstatt eingeschlossen

Doch die Neugier des Quartetts hatte ihren Preis: Aus Sicherheitsgründen – um nicht für feindliche Soldaten gehalten zu werden – wurde es von amerikanischen Soldaten in der Werkstatt Grawe am Gartenweg sicher eingeschlossen. Erst am nächsten Morgen durften die vier nach einer schlaflosen Nacht zurück zu ihren erleichterten Eltern nach Hause.

Was sich fast ein wenig idyllisch anhören könnte, war es keineswegs. Zwar hatten sich die Rüthener dagegen gewehrt, einen Volksturm zu bilden, aber ein Hauptmann der Wehrmacht hatte rund 80 Soldaten um sich geschart, um die Verteidigung der Stadt aufzunehmen. Auf dem Heimweg, erinnert sich der heute 86-Jährige, sei man daher nicht nur amerikanischen Soldaten mit Waffe im Anschlag begegnet, sondern sah auch tote deutsche Soldaten. „Eine weiße Pracht“ nennt Schlüter die Betttücher, die als Zeichen des Ergebens aus allen Häusern hingen. Haus um Haus durchsuchen die Amerikaner am Ostermontag auf der Suche nach deutschen Soldaten. Einige Häuser wurden auch konfisziert. Sie dienten als Unterkunft der Offiziere und Beobachtungsposten für das Möhnetal.

Doch das Leben ging weiter, wie Anton Schlüter sich erinnert: Am Tag nach Ostern schon war der städtische Ausrufer Josef Liedmeier wie üblich mit seiner Glocke unterwegs und verkündete die Anordnungen der neuen Herren, unter anderem ein Ausgangsverbot.