Neue Therapie weist Weg zu kontrolliertem Trinken

Was wir bereits wissen
Alkohol ist eine akzeptierte Droge – dabei ist sie gefährlich. Suchtexperten schätzen, dass Millionen Deutsche zu viel trinken. So wie Manuela: Für sie war es ein schwerer Weg.

Warstein.. Natürlich hat sie gemerkt, dass sie zusehends die Kontrolle verliert. Erst war es nur ein Gläschen am Vormittag, dann waren es zwei, dann drei. Bis zum Abend war die Flasche Wein meist leer. Und immer häufiger blieb es nicht bei der einen. Doch bis Manuela (52 Jahre) sich eingestanden hat, dass sie ein Alkoholproblem hat, war es ein weiter Weg.

„Alkohol ist meistens gesellschaftlich akzeptiert. Wenn ich im Bekanntenkreis erzählt habe, dass ich möglicherweise ein Problem im Umgang mit Alkohol habe, hieß es oft: ,Wie, eine Flasche Wein am Tag? Das ist doch nicht schlimm!’“

Lebenslange Abstinenz unattraktiv

Doch für Manuela war es schlimm. Die Schuldgefühle wurden immer größer. So groß, dass sie sich schließlich professionelle Hilfe gesucht hat. Doch der Entzug in Warstein mit anschließendem Klinikaufenthalt hat ihr nicht wirklich geholfen. „Für viele Betroffene ist das Ziel lebenslange Abstinenz nicht attraktiv“, weiß Dr. Rüdiger Holzbach, Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin an den LWL-Kliniken in Warstein und Lippstadt. „Die Vorstellung, auf den Helfer in der Not verzichten zu müssen, Alkohol gar nicht mehr zum Feiern, zum Gut-drauf-sein konsumieren zu dürfen und sich dadurch oft gesellschaftlich ausgeschlossen zu fühlen, kann traurig, beängstigend oder gar bedrohlich sein.“

Seit einigen Jahren wird daher bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit umgedacht. Unter Leitung von Dr. Holzbach werden in Lippstadt und Warstein Seminare angeboten, in denen die Betroffenen lernen, mit Bier und Wein bewusster und kontrollierter umzugehen und dadurch unter dem Strich weniger zu trinken. „Lange Zeit war dieser Ansatz unter Fachleuten umstritten, in letzter Zeit aber ist er zunehmend hoffähig geworden“, erklärt Holzbach.

Nur wenige entscheiden sich für einen Entzug

An einem ersten Seminar, das im Februar gestartet ist, haben fünfzehn Männer und Frauen im Alter zwischen 40 und 70 Jahre teilgenommen. Neun von ihnen trinken seitdem etwa die Hälfte weniger, drei haben sich aufgrund der Seminarerkenntnisse in den stationären Entzug begeben, eine Frau ist seitdem komplett abstinent und zwei konsumieren nur noch gelegentlich.

„Bei 7,4 bis 7,9 Millionen Menschen in Deutschland ist der Alkoholkonsum als riskant einzustufen“, nennt der Warsteiner Sucht-Experte Zahlen. „Aber nur 2,5 Prozent entscheiden sich für einen qualifizierten Entzug in psychiatrischen Kliniken.“ Deshalb habe man sich in Warstein die Frage gestellt: „Müssen sich die Betroffenen den Angeboten anpassen oder wir unsere Angebote den Betroffenen?“

Trinkregeln und Trinkprotokolle

Die Seminare seien eine erste Antwort auf diese Frage. An zehn Abenden lernen die Teilnehmer zunächst einmal viel über die Wirkung des Alkohols und die Auswirkungen eines unkontrollierten Konsums. Im Mittelpunkt des therapeutischen Ansatzes stehen so genannte Trinkregeln und Trinkprotokolle. Die Teilnehmer listen zunächst auf, was und wie viel sie bisher trinken und geben sich dann selbst Regeln, diese Mengen zu reduzieren.

Manuela: „Es ist dann meine eigene Entscheidung, wie viel ich noch trinke. Dadurch behält man vor allem sein Selbstwertgefühl und fühlt sich trotz seiner Probleme noch als selbstbestimmter Mensch.“ Allerdings funktioniert das Prinzip „Weniger ist mehr“ nur mit sehr viel Selbstdisziplin: Wer sich ständig beim Aufstellen der Trinkregeln und der Protokolle betrügt, hat schon verloren. Dr. Holzbach: „Deshalb ist es wichtig, sich realistische Ziele zu setzen und selbst das Tempo zu bestimmen.“

Abstinente Tage werden zur Regel

Bei Manuela klappt das inzwischen recht gut. Die Tage mit Totalabstürzen sind seltener geworden, dafür die Tage völliger Abstinenz deutlich mehr. „Ich weiß“, so die 52-Jährige, „dass ich noch einen schweren Weg vor mir habe und ich richtig kämpfen muss. Ich weiß aber auch, dass ich einen moderaten Umgang mit Alkohol schaffen kann.“

Dr. Holzbach ist zuversichtlich, dass viele Seminarteilnehmer ihre Trinkgewohnheiten nach der Teilnahme deutlich ändern: „Uns geht es darum, die Menschen wieder in eine geordnete Bahn zu bringen. Dann haben sie auch wieder die Chance, auf mehr Lebensqualität und Lebensfreude.“