Nachrichtenübermittlung per Glockenklang

Beiern, verbimmeln in Kallenhardt, alter Läutebrauch, gepflegt von den Familien Schmidt und Mekus.
Beiern, verbimmeln in Kallenhardt, alter Läutebrauch, gepflegt von den Familien Schmidt und Mekus.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Längst in Vergessenheit geraten ist in vielen Orten das Beiern. Nicht so in Kallenhardt. Hier lebt diese besondere Form des Läutens der Kirchenglocken fort, bzw. wurde wiederbelebt.

Kallenhardt..  Längst in Vergessenheit geraten ist in vielen Orten das Beiern. Nicht so in Kallenhardt. Hier lebt diese besondere Form des Läutens der Kirchenglocken fort, bzw. wurde wiederbelebt. Dies geschah Silvester 2011 durch die Familie Schmidt, die den letzten Kallenhardter Glöckner, Josef Schmidt sen. (1902 bis 1982) gestellt hatte, und Dietmar Lange. Der Historiker aus Warstein ist nicht nur als Organist seit vielen Jahren Kallenhardt in besonderer Weise verbunden.

Verbimmeln heißt das Beiern in Kallenhardt. Zwei Mal jährlich wird in der Bergstadt seit dem Jahreswechsel 2011/12 auf diese besondere Art geläutet, die dem heute gewohnten gleichzeitigen Geläut aller drei Glocken vorausging: Am Mittag des Silvestertages und an Pfingsten. Dann wird das jährliche Schützenfest eingeläutet.

Josef Schmidt sen. war der letzte, der regelmäßig verbimmelte. Dabei werden die Klöppel per Seil an die Glocken gezogen, was im Gegensatz zum Vollgeläut, vom Fachmann als durchläuten bezeichnet, das Spielen von Melodien ermöglicht. Sein Sohn Josef Schmidt jun. führt heute diese Tradition fort und hat sie an seinen Sohn Stefan weitergegeben. Sie stammt aus einer Zeit, als vollautomatische Läutwerke samt Zeitschaltuhren nicht einmal vorstellbar waren. Das Vollgeläut war nur für hohe Festtage bestimmt. Beiden Läutearten gemeinsam war jedoch, dass alleine Muskelkraft die Glocken zum Klingen brachte.

Um die Klöppel geschlungene Seile, verbunden mit der Turmmauer als Kontergewicht, ermöglichen – je nach Melodie – das ein- oder mehrmalige Anschlagen der einzelnen Glocken in wechselnder Abfolge. Die Glocke an sich rührt sich dabei nicht von der Stelle, bzw. wird von Helfern in Position gehalten, so dass an den drei Glocken in Kallenhardt maximal sechs Personen zum Einsatz kommen. Zum Stammpersonal gehören neben Josef und Stefan Schmidt Kirchenküster Hans-Josef Mekus sowie dessen Söhne Michael und Matthias, sechster im Bunde war jetzt Josef Risse. Dessen Sohn Frederic versuchte sich bereits als Nachwuchsglöckner. Als „Dirigent“ sorgte Dietmar Lange für die richtige Abfolge der Töne.

Sogar Notenblätter gibt es heute für das Verbimmeln, die Stefan Schmidt seinem 2011 angelegten Glöckner-Logbuch beigefügt hat. Darin ist verzeichnet wann durch wen gebimmelt wurde und wer sonst noch dabei war – so bereits bei der Premiere 2011 der Schreiber dieser Zeilen. So findet sich im Büchlein unter der Überschrift „Normales Läuten“ der Hinweis zur Melodie, der da lautet: „Bimm, Bamm, Bimm, Baum“. Dies sagt den Experten, dass zunächst die kleine, dann die mitteler, wieder die kleine und dann die große Glocke angeschlagen wird.

In Kallenhardt geben die Glocken aus Stahlguss die Töne g, a und h wieder. „Sie sind in der Terz zusammengefasst, was sich für das Spielen von Melodien unheimlich gut eignet“, sagt Dietmar Lange. „Jeder Ort hatte seine eigenen Melodien, die sich über Jahrhunderte ausgeprägt hatten“, berichtet er über das Beiern.

Verse zum Einprägen der Melodien

Dabei diente das unterschiedliche Läuten auch der Nachrichtenübermittlung. Takt und Melodie zeigten dem (damals) kundigen Hörer an, ob zu Frühmesse, zu Hochamt oder Beerdigung gerufen wurde. Informativer als heute war auch das Totenläuten: Für einen verstorbenen Mann wurde die große Clemensglocke, für eine Frau die mittlere Nikolaus- und für ein Kind die kleine Marienglocke gebimmelt. Verse, weiß Dietmar Lange, erleichterten früher das Einprägen der Melodien, etwa „Clemens, Clemens Hittenbart ist Patron von Kallenhardt“.

Als Josef Schmidt sen. bis zu Beginn der 1960er Jahre den alten Läutebrauch pflegte, wurde er von seinen Söhnen Wilfried und Alfred sowie den Vettern Alfons und Josef Eickeler unterstützt. Sein Sohn Josef jun. war damals noch nicht dabei. „Ich war damals noch zu klein“, erinnert er sich. Dass der alte Läutebrauch in Kallenhardt wieder gepflegt werden kann, ist seinem Bruder Wilfried zu verdanken. „Er ist 2011 mit uns hier hoch geklettert und hat uns gezeigt, wie es geht.“