Mittendrin und doch irgendwie immer am Rande

Stadtkirche St. Pankratius Warstein, Marktplatz, Luftbild von Warstein, Sauerland
Stadtkirche St. Pankratius Warstein, Marktplatz, Luftbild von Warstein, Sauerland
Foto: www.blossey.eu
Er liegt direkt an der Hauptstraße und unmittelbar vor der mächtigen Pfarrkirche St. Pankratius: Dabei war der Marktplatz ursprünglich alles andere als eine freie Fläche.

Warstein.. Das Rathaus, das Progymnasium, die Volksschule und die Pfarrkirche alle an einem Ort vereint, mittendrin ein belebter Platz. Ein riesiges Kriegerdenkmal für die Gefallenen der großen Kriege des 19. Jahrhunderts. Eine kleine Privatkapelle, in der sowohl katholische als auch evangelische Gottesdienste stattfinden. All diese Bauten verbindet eines: der Marktplatz. Während einige von ihnen lediglich Pläne in den Schubladen der großen Stadtplaner blieben, gab es andere Gebäude tatsächlich. Ein Blick auf Warsteins geplantes Zentrum an der Hauptstraße.

Aus der Luft sieht man es am besten: Warsteins Marktplatz ist ein Konstrukt. Entlang der Hauptstraße reiht sich Gebäude an Gebäude; sie alle reichen meist weit nach hinten. Und dann ist da plötzlich dieses Loch: Ein langgezogenes, rechteckiges Loch, das sich von der Hauptstraße bis zur stattlichen Pfarrkirche St. Pankratius zieht. Der Beobachter aus der Vogelperspektive bekommt sofort den Eindruck: Hier fehlt doch etwas. Richtig: Bis in das endende 19. Jahrhundert stand dort, wo sich heute der Marktplatz befindet, der Hof der Familie Pape-Funke. „Sie waren wohl zu ihrer Zeit mit die einflussreichsten Leute in Warstein“, meint Warsteins Ortsvorsteher Dietmar Lange, „einer der Papes war beispielsweise Hofrat in Arnsberg bei der kurkölnischen Regierung.“

Eine Kapelle für alle Bürger

Im 18. Jahrhundert bauten die reichen Papes ihren Hof, dem nach dem Stadtbrand der Silvesternacht 1802/1803 eine besondere Bedeutung zukam. In Folge der landesherrlichen Auflagen siedelten sich die Warsteiner im Tal an – doch ihre Kirche stand nach wie vor auf dem Berg. „Insbesondere für die Kinder war das beschwerlich, jeden Morgen zum Gottesdienst da hoch zu laufen“, erklärt Lange, „deswegen boten die Papes an, dass in ihrer Privatkapelle Gottesdienste stattfinden könnten.“

Von der St.-Agatha-Kapelle, die sich auf dem Hofgelände der Papes befand, finden sich heute noch Überbleibsel – und das sogar nur wenige Meter von ihrem einstigen Standort entfernt. Der Rokokoaltar aus der Kapelle ist heute ein Seitenaltar in St. Pankratius. „Das ist richtig schöner Sauerländer Rokoko, um 1770 erbaut“, meint der Historiker Lange. In der kleinen Kapelle fanden einige Zeit sogar katholische und evangelische Gottesdienste statt, als es wohl einen evangelischen Pfarrer, aber noch keine evangelische Kirche gab.

Die Wende für den Papeschen Hof kam mit dem Bau der Stadtkirche: Mit der von 1853 bis 1857 errichteten St.-Pankratius-Kirche schuf sich die Stadt nicht nur ein imposantes Gotteshaus in dessen Nähe, sondern verlagerte dadurch auch das Zentrum der Stadt. „1833 war bereits das damalige Rathaus dort errichtet worden, wo heute sein Nachfolgerbau steht“, erklärt Dietmar Lange die Entwicklungen, „zusammen mit der Pfarrkirche waren damit zwei wichtige Gebäude in unmittelbarer Nähe entstanden.“

Konzentration rund um die Kirche

Ein weiteres kam 1874 dazu, als mit dem Bau des Progymnasiums zum Neuen Weg (heute: Pfarrer-Menge-Weg) hin begonnen wurde. Einige Jahre später gab es Überlegungen, die katholische Volksschule ebenfalls in das neu zu etablierende Zentrum zu holen: „Die Schule sollte auch dort gebaut werden, wo sich heute der Kinderladen befindet oder weiter westlich“, weiß Ortsvorsteher Dietmar Lange. Doch aus diesen Plänen wurde nichts.

Aus dem freien Blick auf den neuen Warsteiner „Dom“ allerdings schon: Es traf sich für die Stadtväter außerordentlich gut, dass just als sie darüber nachdachten, wie man die Sicht auf die imposante Stadtkirche verbessern konnte, die Nachkommen der Familie Pape Teile ihres Hofes verkaufen wollten. „Der letzte Pape, Justizrat Franz Joseph Pape,hatte schon 1844 seinem Stiefsohn, dem Ökonom Rudolf Funke, sein Vermögen übertragen. Dieser ging daran, große Teile der Besitzungen bis Ende des 19. Jahrhunderts an die Stadt zu verkaufen.“ Die machte kurzen Prozess: Die Gebäude des Hofes wurden abgerissen, es entstand ein freier Platz. Eingerahmt von Rathaus, Pfarrkirche und Progymnasium hatte Warstein mit diesem Platz sein neues Zentrum geschaffen. Zeitgleich wurde der Wochenmarkt, der bis dato Auf’m Bruch stattgefunden hatte, auf den neuen Platz verlegt.

Um die Symbolträchtigkeit eines solchen zentralen Platzes wussten auch jene Stadtväter, die wenig später ein großes Kriegerdenkmal entwarfen. Vor der Kulisse der Pfarrkirche sollte es als ehrfürchtige Erinnerung an die Gefallenen der Auseinandersetzungen vor der Reichsgründung 1871 dienen. „Diese Idee wurde jedoch vom Ersten Weltkrieg eingeholt“, erzählt Dietmar Lange, wieso dieses Projekt nie zur Ausführung kam.

Eine weitere Maßnahme, die nie umgesetzt wurde, bleibt bis heute die Front- und Eingangsseite des Rathauses. Er wies schon mit dem alten Rathaus aus der Zeit um 1900 zum Dieploh und nicht auf den zentralen Platz. „Wieso man den nicht zum Marktplatz hin verlegt hat? Das war dann wohl auch einfach Gewohnheit, als in den 1960er Jahren ein neues Rathaus gebaut wurde“, mutmaßt Lange.

Mittlerweile sind die Planungen wieder fortgeschritten: „Neue Mitte“, „Domviertel“, – alles Zeichen ihrer jeweiligen Zeit. Ob die aktuellen Pläne rund um Warsteins Zentrum an der Hauptstraße Realität werden oder auch Schubladenhüter – sie befinden sich so oder so in guter Gesellschaft.

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