Lütke Fastnacht

„Ich bin ein kleiner König, gib mir nicht zu wenig, gib mir nicht zu viel – sonst komm’ ich mit ‘nem Besenstiel!“ Jede Menge verkleideter, singender Kindergruppen schauten an Weiberfastnacht in der Redaktion vorbei, um allerlei Süßes zu ergattern. Nach meiner Rückkehr nach Warstein vor fast einem Jahr war ich damit das erste Mal in der Situation, die singend durch die Straßen ziehenden Jungen und Mädchen zu belohnen. Denn da, wo ich vorher wohnte, gibt es die Tradition der „Lütke Fastnacht“ nicht.


Vor bald zwei Jahrzehnten stand ich dagegen noch auf der anderen Seite. Jedes Jahr zu Weiberfastnacht sind wir nach dem Kindergarten oder der Schule zu meinen Großeltern gefahren, um rund um den Herrenberg Süßigkeiten zu sammeln. Jedes Jahr das gleiche Ritual: In bunten Kostümen ( ) sind wir – mein Bruder, mein Cousin und ich – los gezogen, während uns meine Großeltern vom Wohnzimmerfenster aus beobachteten. Zuerst ging es zur lieben Omi gegenüber, die uns schon erwartete und reichlich beschenkte. Dann zu den vornehmen Nachbarn mit dem großen, teuren Auto, die eher widerwillig einen Schoko-Riegel für jeden herausrückten. Die Tour ging von dort einmal um den Block und an den meisten Türen wurde uns nicht nur geöffnet, sondern wir erhielten auch Lob für unseren (aus heutiger Sicht wohl eher mittelmäßigen) Gesang. So füllte sich der Beutel stetig.


Fast zum Abschluss klingelten wir dann an der Tür eines dunklen, etwas gruseligen Hauses. Dort lebte eine aus unserer kindlichen Perspektive sehr alte Frau, die schon wie eine sehr alte Frau aussah, als meine Tante noch Kind war, wie diese mir kürzlich erzählte. Die Frau hielt besondere Süßigkeiten für uns bereit: Schoko-Nikoläuse am Stiel, die wohl noch aus dem Advent übrig geblieben waren – aus dem letzten oder aus dem vorletzten? Meine Mutter war sich da nicht so sicher und sortierte sie beim Begutachten unserer Sammlung direkt aus. Wie gemein! Aber sie wollte nur unser Bestes und genug übrig geblieben ist trotzdem. Außerdem gab es beim Rosenmontagszug ja schon die nächste Ladung an Sachen, von denen wir eigentlich gar nicht so viel essen durften.