Lebenswirklichkeit zu vielfältig für den Schulalltag?

Dieser Tweet von der 17-jährigen Schülerin Naina hat eine Debatte über den Unterrichtsinhalt an Schulen ausgelöst.
Dieser Tweet von der 17-jährigen Schülerin Naina hat eine Debatte über den Unterrichtsinhalt an Schulen ausgelöst.
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Was wir bereits wissen
Schülerin bemängelt fehlenden Praxisbezug im Lehrplan. Keine Einigkeit unter Warsteiner Schulleitern

Warstein..  Mit 140 Zeichen hat die 17-jährige Schülerin Naina aus Köln eine bundesweite Debatte ausgelöst. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, schrieb sie bei Twitter. Fehlt im Schulunterricht der Bezug zum wirklichen Leben? Warsteiner Schulleiter sind sich uneins.

„Diese Schülerin spricht uns aus dem Herzen“, sagt Marcus Schiffer, Rektor der Sekundarschule. Die Zielsetzung der erst im vergangenen Sommer gestarteten Schule decke sich mit der Nainas. „Wir wollen hier lebensfähige Menschen ausbilden und versuchen, Aufgabenstellungen möglichst realitätsbezogen aufzubauen. Die Schule wirkt sonst zu künstlich“, sagt er.

Schiffer ist der Meinung, dass ein Realitätsbezug in den Aufgaben die Schüler mehr motiviere und berühre, die Aufgaben dann sinnvoller erscheinen würden. Doch wie sieht so eine realitätsbezogene Aufgabe aus? „Wenn wir den Satz des Pythagoras erklären, dann nicht theoretisch. Wir machen das anhand einer Leiter, die wir an die Wand stellen. Das ist viel eindringlicher“, erklärt der Mathelehrer.

Und was ist mit der Steuererklärung, die Naina im Unterricht vermisst? Marcus Schiffer verweist auf das Fach Wirtschaftslehre, in dem Buchführung und eben auch die Steuererklärung erklärt werden. Auch mit sozialen Medien befasse sich das Fach, um möglichst nah an der Lebenswirklichkeit der Schüler zu sein.

Steuererklärung in der Schule

Diese Lebenswirklichkeit sei so vielfältig, dass sie schon aus praktischen Gründen im Schulunterricht nicht vollständig abgebildet werden könne, hält Werner Humbeck, Schulleiter des Gymnasiums Warstein, dagegen. Der Unterricht habe sich in den vergangenen Jahren durch die Einführung neuer Lehrpläne bereits massiv gewandelt – vom rein fachlichen Lernen hin zu einem Kompetenzerwerb. „Diese Kompetenzen sollen die Schüler später dann auch bei Miete und Versicherungen einsetzen“, sagt Werner Humbeck.

Grundsätzlich seien die Aufgaben eines Gymnasiums sehr vielfältig. „Wir vermitteln eine umfassende Allgemeinbildung und befähigen zum Studium und zu anspruchsvollen Berufen“, erklärt er. Steuern und Versicherungen seien allerdings Themen, die im Elternhaus erlernt werden sollten.

Zwar sei etwa Themen wie Wirtschaft und Medienkompetenz in jüngster Zeit größerer Raum gegeben worden ( ). Doch hätten andere Inhalte bei der Umstellung auf das Abitur nach zwölf Jahren konsequenter gestrichen werden müssen, um ein erträgliches Lernpensum beizubehalten. „Da ist man nicht mutig genug gewesen, gewisse Dinge zu streichen“, ist Werner Humbeck überzeugt.

Die unterschiedlichen Ausrichtungen bei Gymnasium und Sekundarschule sind auch bei Ausbildungsbetrieben bemerkbar. So ist Bettina Otte von der Kreishandwerkerschaft aufgefallen: „In den höheren Schulformen fehlt der Bezug zur Praxis oftmals eher als in den niedrigeren. So kommen Leute vom Gymnasium und wissen nicht, wofür man Miete bezahlt.“