Knabenschule macht Küsterhaus Konkurrenz

Mülheim..  Nachdem die Bewohner des Küsterhauses des Öfteren gewechselt hatten, kehrte Ruhe in das alte Gebäude ein.

Heinrich Schmidt (1906-1916), der neue Hauptlehrer, brachte sich wie sein Vorgänger Heinrich Heins ebenfalls in das Vereinsleben des Kirchspiels ein. Allerdings betrieb er schließlich die Abtrennung des Küsteramtes von dem des Hauptlehrers. Damit zerschnitt er ein Band, das im Kirchspiel Mülheim das Lehrer- und Küsteramt seit alters her verbunden hatte. Die existenziell notwendige Ämterkopplung früherer Jahrhunderte hatte sich allerdings längst überlebt.

Der Lehrer mit seiner jetzt fast akademischen Ausbildung in Lehrerseminaren war so weit aufgewertet, dass er für seinen Lebensunterhalt auf zusätzliche Einkünfte aus Küsterdienst und Orgelspiel verzichten konnte. Die Schulen hatten sich mittlerweile aus dem Obrigkeitsverhältnis zur jeweiligen Pfarrkirche weitgehend gelöst, und die selbstbewussteren Lehrer mochten vielerorts durch ihr Küsteramt nicht länger als Untergebene des Pfarrers dienen. Für Hauptlehrer Schmidt, den sicherlich auch die moderne Wohnung der neuen Knabenschule lockte, erlosch mit der Aufgabe des kirchlichen Amtes zudem der Zwang, im Küsterhaus wohnen zu bleiben.

Anstreicher Flocke zieht ein

Mit dem Anstreicher Caspar Flocke (1910-1942) und seiner Familie zog Möhnetaler Urgestein in das Küsterhaus ein. Kaspar Flocke war seit 1888 mit Franziska Schellewald-Kutschers verheiratet. Mit in das Küsterhaus zogen ihre Kinder, die 22-jährige Emilie, der 17-jährige Malergeselle Franz, die 14-jährige Helene (nachfolgende Küsterin 1942-1959) und die 13-jährige Gertrud, die 1931 mit dem Kettenschmied Fritz Kopp in Mülheim eine Familie gründete. Vier Kinder hatte die Familie schon im Kleinkindalter verloren.

Caspar Flocke brauchte sich neben seinem Anstreicherberuf nur den Küsteraufgaben zu widmen. Das Orgelspiel blieb in den Händen der Hauptlehrer – bis 1916 Heinrich Schmidt, dann Wilhelm Kraas.

Wie alte Aufnahmen vom festlichen Kircheninneren zeigen, war der Aufwand, den der damalige Küster zum feierlichen Ausschmücken von St. Margaretha betrieb, erheblich. An den Feiertagen war der Altarraum mit Girlanden und vom Gewölbe herab hängenden rotweißen Stoffbahnen geschmückt. Alle Fahnen des Kirchspiels rahmten das Kirchenschiff ein und die über dem Mittelgang hängenden Kronleuchter glänzten.

„Tante Lene“ wird Küsterin

Beim Küsterdienst half schon früh die Tochter Lene. Sie hatte seinerzeit der von Lourdes zurückgekehrten und im Kirchspiel wie eine Heilige angesehenen Elisabeth Tombrock versprochen, den Marienaltar nie ohne frische Blumen zu lassen.

Als Caspar Flocke am 24. November 1942 starb und alle Geschwister das Küsterhaus verlassen hatten, führte Tochter Lene wie selbstverständlich und ohne dass jemand gegen sie als Frau etwas einwandte, das Küsteramt weiter. Es gab wohl keinen in der unzähligen Messdienerschar ihrer Jahre, der „Tante Lene“, die nie streng oder ärgerlich wirkte, nicht mochte. Die Landwirtschaft des Küsterhauses war unter ihr bis auf den nach Süden liegenden Garten eingestellt. Den brauchte sie im 2. Weltkrieg um so mehr, als Evakuierte bei ihr einquartiert wurden.

Ehepaar teilt sich Aufgaben

Am 1. April 1958 begann August Brinkmann (1958-1983) mit seinen Tätigkeiten als Küster von St. Margaretha. Offiziell durfte er den Titel Küster allerdings noch nicht führen, da er seinen Arbeitsplatz in der Schneiderstube Heinrich Bühners auf dem Schützenkamp nicht aufgeben mochte. Die Kirchengemeinde fand nun die Lösung, seiner Ehefrau Helene nominell das Amt mit den entsprechenden Einnahmen zu übertragen.

Helene Brinkmann war als ab 1. April 1958 bis Anfang der 70er Jahre die ernannte Küsterin von St. Margaretha. Den eigentlichen Küsterdienst verrichtete gewissenhaft und zur vollsten Zufriedenheit seines Pfarrers und der Gemeinde August Brinkmann allein. Seine Frau unterstützte ihn allerdings nach Kräften. In ihren Händen lag all die Jahre die Reinigung des Gotteshauses und der reiche Schmuck der Altäre.

Zwei schwere Schicksalsschläge trafen die Familie im Küsterhaus, als der Sohn Friedhelm 1972 bei der Bundeswehr tödlich verunglückte und die Mutter Helene 1979 mit 65 Jahren starb. Bis 1983 versah August Brinkmann 25 Jahre lang treu und redlich seinen Küsterdienst. Seinen Lebensabend verbrachte er in der Familie seiner Tochter Waltraud Hillebrand, bis er am 25. März 2004 seine Augen schloss.

Das Ehepaar Ingrid und Dieter Mewes (1983-1996) versah ab dem 1. April 1983 das Küsteramt in St. Margaretha. Der Vertrag sah allerdings nur Ingrid als Küsterin vor, da Dieter Mewes weiter seinem Beruf in Soest nachging. Familiäre Gründe veranlassten das Ehepaar, 1996 wieder nach Soest zu ziehen.

Ära endet 2013

Mit der Übernahme des Küsteramtes zog Thomas Schulte (ab 1996) am 1. April 1996 in das Küsterhaus ein. Fast 20 Jahre leistet er nun schon seinen hervorragenden Dienst. Nach seinem Auszug 2013 verlor das alte Fachwerkgebäude nach 215 Jahren wahrscheinlich endgültig seine ureigene Bestimmung – Küsterhaus zu sein.