Kettler-Inhaberin appelliert an Kampfgeist der Belegschaft

Scheut die Öffentlichkeit: Dr. Karin Kettler kam durch den Hintereingang in die Werler Stadthalle.
Scheut die Öffentlichkeit: Dr. Karin Kettler kam durch den Hintereingang in die Werler Stadthalle.
Foto: Thomas Nitsche
Was wir bereits wissen
Auf einer Betriebsversammlung hat Kettler-Inhaberin Karin Kettler am Montag 800 Beschäftigte zur Firmeninsolvenz informiert. Appell an den Kampfgeist.

Werl/Ense.. Keine leichte Aufgabe. Eines der traditionsreichsten Familienunternehmen steht mit 1100 Arbeitsplätzen auf der Kippe - und niemand spricht. Nicht die Geschäftsleitung auf Anfrage, nicht die Mitarbeiter auf Ansprache. „Kein Kommentar“, „Bitte nicht“, „Kein Wort“. Und die Öffentlichkeit ist bei der Betriebsversammlung in der Werler Stadthalle ausgeschlossen. „Ich darf Sie bitten, jetzt zu gehen“, heißt es im Foyer freundlich und bestimmt. Kontrolleure suchen nach betriebsfremden Elementen. Der rechte Arm weist zum Ausgang: „Sie haben hier nichts zu suchen.“

Und doch, die Wände haben Ohren. Im Saal, mit mehr als 800 Frauen und Männern voll besetzt, spricht Firmenchefin Karin Kettler von Transparenz, appelliert an die Mitarbeiter sich nicht verunsichern zu lassen und fordert den unbedingten Einsatz. Nur gemeinsam könne man es schaffen.

Zum ersten Mal ist die Alleineigentümern bei einer Betriebsversammlung des Unternehmens anwesend. „Sie hätte nicht den Hintereingang nehmen müssen“, sagt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Jürgen Borghardt. „Karin Kettler hat sehr viel Zuspruch bekommen.“

Karin Kettler kämpft um ihr Unternehmen

Die Belegschaft nimmt es ihr ab, dass sie um die Existenz des Unternehmens kämpft. Applaus dringt nach draußen. Sie will das Erbe ihres 2005 gestorbenen Vaters Heinz offenbar keiner Heuschrecke überlassen. Borghardt weiß: „Dann wäre kein Stein auf dem anderen geblieben.“ Und Torsten Kasubke, Bevollmächtigter der IG Metall Hamm-Lippstadt, unterstreicht: „Ich kenne keine Gesellschafterin, die so viel finanzielle Mittel eingesetzt hat.“ Seit neun Jahren betreut er das Unternehmen. „Sie hat einfach den falschen Leuten vertraut.“

Kettler Das soll nicht mehr passieren. Betriebsräte, IG Metall und das Info-Institut aus Saarbrücken wollen mit der Geschäftsführung der Heinz Kettler GmbH und Co. KG ein tragfähiges Zukunftskonzept erarbeiten. „Alle wollen die Ärmel hochkrempeln“, sagt der Gewerkschafter, „aber es muss Änderungen geben. Das Vertrauen in Mitarbeiter der oberen Ebene fehlt.“ Er sagt nicht, dass Köpfe rollen sollen, aber er meint es so. Jahrelanges Missmanagement habe dazu geführt, die Marke Kettler, „die nach wie vor für hochwertige Produkte steht und einen guten Ruf genießt“, in diese missliche Lage zu bringen: „Wie ist diese Schieflage sonst zu erklären?“ Mit der Insolvenz in Eigenverwaltung biete sich eine neue Chance.

Insolvenz-Sachwalter will Sanierungsschritte ermitteln

Das sieht Rechtsanwalt Christoph Schulte-Kaubrügger von der Kanzlei White & Case aus Dortmund ähnlich. Der als Sachwalter hinzugezogene Jurist taucht in die Zahlen des Unternehmens ab und prüft die Möglichkeiten: „Wir werden die Sanierungsmaßnahmen ermitteln und umsetzen. Wenn hart und ordentlich gearbeitet wird, führt das zum Erfolg. Meine Erfahrung. Nichts fällt vom Himmel.“

Der 49-Jährige will die Beschäftigten mitnehmen, will sie wissen lassen, was geplant ist. Erste positive Signale will er in der einstündigen Versammlung registriert haben: „Die Mitarbeiter strahlten das Gefühl aus: Wir sind Kettler.“ Ob mit Entlassungen gerechnet werden muss? „Dazu kann ich nichts sagen. Dafür ist es viel zu früh.“

Sorge um Arbeitsplätze bei Kettler

Dass er mit seiner Einschätzung nicht alleine steht, bestätigen Stimmen am Ende der Versammlung. „Die Belegschaft steht hinter der Geschäftsführung“, versichert Martin Klaczewski, einer der wenigen, die sprechen wollen. Der 44-Jährige arbeitet seit 25 Jahren bei Kettler als Schweißer. „Es ist nicht leicht, sich mit Made in Germany am Markt zu behaupten. Dabei sind die Geräte, ich denke nur an das jüngste E-Bike, richtig gut.“

Betriebsrat Michael Bruns hat Verständnis für die verbreitete Sprachlosigkeit der Beschäftigten. Sie hätten Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, sorgten sich um ihre Existenz. „Niemand weiß, wie es nach drei Monaten Insolvenzausfallgeld weiter geht. Womit müssen wir rechnen?“ Keine leichte Aufgabe.