„In unseren Köpfen gab es seitdem nie mehr Mauern“

Warstein./Wurzen.  Es ist Montag, der 19. Februar 1990, etwa gegen 6 Uhr in der Frühe. Wir machen uns auf den Weg in die DDR, ein Land, von dem wir leider nur wenig wissen. Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate haben uns das östliche Deutschland und seine Menschen näher gebracht. Unser Ziel ist Wurzen, eine Stadt im Bezirk Leipzig. Ein mulmiges Gefühl hat uns alle befallen. Wie wird es an der Grenze in Herleshausen sein? Werden die Kontrollen inzwischen menschlich sein? Werden wir es noch mit der Stasi zu tun haben? Das beklemmende Gefühl in der Magengegend bleibt.

Wir, das sind Bürgermeister Georg Juraschka, Stadtdirektor Clemens Werner, Kulturausschussvorsitzende Ruth Grundhoff, Sparkassendirektor Werner Stiehl, unser Fahrer Helmut Braunhardt und ich. Die Vorabstimmung mit unseren unbekannten Kollegen in Wurzen stieß immer wieder auf telefonische Schwierigkeiten. Die Erwartungshaltung ist groß, auch in der heimischen Bevölkerung.

In langsamer Fahrt überfahren wir die deutsch/deutsche Grenze auf der Brücke über das Werratal. Noch sind die Grenzanlagen mit all dem unmenschlichen Gepräge sichtbar und mit Vopos besetzt. Da ist es wieder, dieses mulmige Gefühl im Magen! Wird es mich drei Tage gefangen halten? „Halt, Kontrolle!“ Dieses Schild führt uns in eine lange Autoschlange. Als wir an der Reihe sind und vom Grenzer gefragt werden, wohin die Reise geht, ist mir wohler. Der Tonfall ist freundlich.

Hammer und Zirkel herausgeschnitten

Baedekers Reiseführer „DDR“ habe ich immer griffbereit. Er liefert uns viel Interessantes. Vorbei an den Wohnblocks von Eisenach und der freundlich grüßenden Wartburg führt uns der Weg über die Thüringer Transitautobahn. Vereinzelt sehen wir schwarzrot-goldene Fahnen an den Fenstern. Hammer und Zirkel sind herausgeschnitten.

Endlich erreichen wir Leipzig. Bevor wir das Zentralstadion linksseitig wahrnehmen, durchfahren wir ein Wohngebiet aus der Gründerzeit. Die Häuser wirken zerfallen und sind dennoch bewohnt. Vor fast jeder Eingangstür liegen Kohlenhaufen. Die Zeit ist spürbar stehengeblieben. Die Menschen schauen uns nach, als wenn sie unsere Automarke zum ersten Mal sähen. Eindrücke, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Ein paar Stockwerke für die Stasi

In der Nähe des Hauptbahnhofs beziehen wir Quartier. Unsere Zimmer liegen in den oberen Stockwerken. Bei der Fahrt mit dem Aufzug werden einige Stockwerke völlig ignoriert. Zumindest sind sie als solche nicht ausgewiesen. Zwei Jahre später erfahre ich, dass sich hier Mielkes Stasi einquartiert hatte, um alle Gespräche innerhalb des Hotels abhören zu können. Ein Teil deutscher Wirklichkeit im 20. Jahrhundert.

Bei einem kurzen Bummel durch das angrenzende Zentrum bieten uns viele Passanten einen Geldumtausch an. Illegal, wie wir wissen. Trotzdem machen wir es. Die Bevölkerung profitiert schließlich von Devisen.

Es ist Montag und wir wissen von den inzwischen weltweit bekannten friedlichen Montagsdemonstrationen auf dem Leipziger Karl-Marx-Platz vor dem Opernhaus. Unser Entschluss ist schnell getroffen. Heute Abend sind wir dabei! Inzwischen ist es 15.20 Uhr. Wir machen uns auf den Weg nach Wurzen, ca. 25 Kilometer von Leipzig entfernt.

Als unsere Autos vor dem Stadthaus zum Stehen kommen und unsere Blicke umherwandern, stellen wir hektisch umherlaufende Personen hinter den geschlossenen Fenstern fest. Nach wenigen Augenblicken werden wir von Bürgermeister Kurt Hesse vor dem Stadthaus begrüßt. An seinem Besprechungstisch verzichten wir auf die sonst übliche Konferenzordnung und bilden eine lockere Gesprächsrunde.

Da sitzen wir zum ersten Mal beieinander, politische Vertreter einer kommunistisch-sozialistischen Kommune der DDR und wir, demokratisch legitimierte Vertreter einer bekannten westdeutschen Bierstadt. Was alles war dieser ersten Begegnung vorausgegangen. Deutsche sitzen sich gegenüber. Warum sind wir uns Jahrzehnte aus dem Weg gegangen? Warum wussten wir so wenig voneinander? Warum haben mir bis dato unsere französischen Nachbarn näher gestanden? Warum, warum ...? In diesen Augenblicken gehen mir all diese Fragen durch den Kopf.

Unser erstes Gespräch verläuft lockerer als erwartet. Das Eis beginnt zu schmelzen. Über viele Jahre habe ich auftragsgemäß versucht, mit Städten in der ehemaligen DDR Kontakt herzustellen. Alles vergeblich, Antwortschreiben erreichten mich nur von der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn. Ewald Moldt, so hieß der letzte Ständige Vertreter, unterzeichnete die Briefe und stellte jeweils lapidar fest, die Zeit für interkommunale Kontakte zwischen den Städten der DDR und der Bundesrepublik Deutschland sei noch nicht reif genug. Und jetzt, nur wenige Monate nach dem letzten Antwortschreiben, sitzen wir beieinander und stellen viele Gemeinsamkeiten fest.

Zurück in Leipzig, reihen wir uns in die unendlich wirkende Menschenmasse vor dem Opernhaus, den Teilnehmern an der friedlichen Montagsdemonstration, ein. Zehntausende mögen es sein, die sich nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche hier versammelt haben.

Heute Abend sind wir dabei und sehen die bewundernswerten Menschen rechts und links neben uns, die diesen gewaltigen Umbruch friedlich erzwungen haben.

Ein reger Gedankenaustausch

Pünktlich um 9.30 Uhr werden wir am nächsten Morgen im Wurzener Stadthaus von Bürgermeister Kurt Hesse, seinem Stellvertreter Reiner Herrig, Dietlinde Pohl und weiteren Stadträten begrüßt. Nach einem kurzen Gespräch lernen wir Wurzen bei einem Rundgang kennen. Unser Stadtrundgang führt durch die sanierungsbedürftige Altstadt, das „Goldene Tälchen“ und zum höchsten Punkt der Stadt, dem Bismarckturm.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Kulturhaus „Schweizergarten“ treffen wir dann auf die große Wurzener Stadtdelegation. Nach einem ausführlichen Gespräch und dem Austausch der Strukturdaten beider Städte präsentiere ich unsere Stadt Warstein per Dias. Es ergibt sich ein reger Gedankenaustausch.

Bürgermeister Hesse und sein Stellvertreter begleiten uns in den Konferenzraum des „Schweizergartens“.

Die Begegnung mit den mutigen Vertretern des Umbruchs ist für beide Seiten spannungsreich. Neben meinem späteren Freund Thomas Friedrich, dem Stadtchronisten Wolfgang Ebert, Superintendent Horst Schulze und Pfarrer Karl-Heinz Maischner lernen wir hier einen Mann kennen, dessen menschliche Wärme, Offenheit und Glaubwürdigkeit mich spontan einnehmen. Die Rede ist von Dr. Frank Heine, dem Mann, der nur wenige Monate später bei der ersten demokratischen Wahl in Wurzen mit der größten Stimmenzahl direkt gewählt wird.

Als späterer Vorsteher der Wurzener Stadtverordnetenversammlung unterzeichnete er neben Bürgermeister Anton Pausch unsere Städtepartnerschaftsurkunde. Mit ihm und Thomas Friedrich habe ich in den folgenden Jahren nächtelang diskutiert. Diese Begegnungen waren wichtig für uns. In unseren Köpfen hat es seitdem nie mehr „Mauern“ gegeben.

Ein Fässchen Warsteiner

Das Gespräch mit den Vertretern des Bürgerkomitees und der Kirchen hinterlässt in unseren Köpfen einen besonders nachhaltigen Eindruck. Wir spüren, dass der Gedankenaustausch lediglich einen Anfang bildet. In Erinnerung bleibt mir die Feststellung von Superintendent Horst Schulze, der im Verlauf des Abends sagte, dass dies für ihn die erste Einladung der Stadt Wurzen in seinem Dienstleben sei. Merklich leiser fügte er hinzu, dass dies offensichtlich nur durch den Besuch einer Delegation aus Westdeutschland möglich gewesen sei. Für uns Warsteiner unvorstellbar.

Im Verlauf des Abends bitten mich Georg Juraschka und Clemens Werner, das Mitbringsel aus der Bierstadt Warstein auszupacken. Im Blitzlichtgewitter der Pressefotografen zapft unser Bürgermeister das erste Fässchen Warsteiner an, assistiert von seinem Wurzener Amtskollegen. Eine freundschaftliche Geste mit nachhaltiger Wirkung. Alle spüren, wir sind uns näher gekommen!

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE