In der ehemaligen Sakristei lagern heute Kundenakten

Das Haus Barkschat/Liebfrauenhaus an der Hauptstraße von Warstein.
Das Haus Barkschat/Liebfrauenhaus an der Hauptstraße von Warstein.
Foto: Anna Gemünd
Was wir bereits wissen
Wer sich auf Zeitreise durch das Haus Nr. 117 an der Hauptstraße begibt, der muss vor allem eines: aufpassen, dass man nicht verloren geht. Das „Liebfrauenhaus“, wie es die Warsteiner kennen, verzweigt sich in seinem Inneren in so viele Gänge, Treppen und Stiegen, dass der neugierige Besucher schnell den Überblick verliert.

Warstein.. Gut, wenn man da einen Begleiter hat, der dieses Haus kennt wie kaum ein anderer: Dieter Barkschat hat das Liebfrauenhaus vor zehn Jahren gekauft und umfassend umgebaut. Mit dem 57-Jährigen geht es auf eine Tour durch das markante Gebäude an der Hauptstraße, das in seiner über hundertjährigen Geschichte vom Schwesternheim zum Autohaus wurde. Wer heute den Eingangsbereich des Autohauses betritt, der steht nach wenigen Schritten mitten in der ehemaligen Küche – gut zu erkennen an den alten Fliesen, deren Muster erstaunlich gut erhalten ist. „Die haben wir natürlich drin gelassen“, sagt Dieter Barkschat. 2005 kaufte er das ehemalige Schwesternheim und baute es in drei Jahren so um, dass heute sein Autohaus samt Werkstatt, Sozial- und Schulungsräumen darin Platz findet.

Alte Fliesen und dunkle Holzbalken

Doch damit ist die Vergangenheit des Hauses keinesfalls verloren gegangen: Neben den bunten Fliesen sind es vor allem die freigelegten Fachwerkbalken, die den Blick des Betrachters auf sich ziehen. Auch sie sind Überbleibsel aus der Bauzeit des Gebäudes. „Das muss irgendwann im 19. Jahrhundert gebaut worden sein“, mutmaßt Dieter Barkschat, „genau weiß ich das nicht.“ Auch wenn die Bausubstanz über die Jahre naturgemäß etwas gelitten hat – teilweise wuchsen im hinteren Teil sogar die Bäume ins Dach hinein – ist es doch beeindruckend, wie gut beispielsweise die große Haupttreppe ins Obergeschoss erhalten ist. Sie wirkt fast schon majestätisch, wie sie sich unter einem roten Teppich hinauf windet. Den perfekten Kontrast dazu bildet der Kickertisch, der am Fuße der Stufen steht und den Mitarbeitern von Dieter Barkschat als Pausenerholung dient. In diesem Raum, direkt hinter der ehemaligen Eingangstür des Liebfrauenhauses, prallen gewissermaßen die Zeiten aufeinander: An der Wand hängt noch ein Spiegel, eingefasst in Marmor, eindeutig aus jener Zeit, als noch Schwestern jeden Tag durch die Eingangspforte im Erker schritten. „Die alte Tür habe ich erhalten, allein um zu zeigen, wie es damals aussah“, erklärt Dieter Barkschat, „genutzt wird sie heute allerdings nicht mehr.“

Bunte Glasscheiben

Das obere Stockwerk wird dagegen rege genutzt; hier befinden sich die Büros und Schulungsräume seines Unternehmens. Wo einst der Altar der Schwestern stand, befinden sich heute Büroschränke, die Buntglasscheiben bilden einen interessanten Kontrast zu den Computern auf den Schreibtischen. Drei Ecken weiter öffnet Dieter Barkschat eine Tür, dahinter: Kundenakten. Viel spannender jedoch ist das, was sich auf der Tür befindet: „Sakristei“ steht dort in ein kleines, goldenes Schild eingraviert. „ja, die Schilder haben wir auch drangelassen, warum auch nicht? Hinten haben wir noch weitere Türen, an denen steht ‚Klausur’.“ Die alten Schlafräume der Schwestern hoch oben unter dem Dach nutzt Dieter Barkschat heute als Lager oder auch als Schlafgelegenheit, wenn Monteure länger bleiben.

WP-Serie Über die knarrenden Stufen der schönen Haupttreppe geht es zurück nach unten, an dem Kickertisch vorbei, durch die ehemalige Küche und zwei, drei Türen und schon steht man in der heutigen Werkstatt. Von hier aus geht es weiter in das Lager und die Lackiererei. „Wir sind jetzt nicht mehr in dem alten Haus, haben Sie das gemerkt?“, fragt Dieter Barkschat mit einem Schmunzeln. Tatsächlich: Der Anbau, den Barkschat 1995 an seine bisherige Autowerkstatt setzte, fügt sich heute nahtlos an das Liebfrauenhaus an. Im vorderen Bereich setzt eine Glasfassade die klare Optik des Gebäudes fort. Im Inneren hat Dieter Barkschat einen besonderen Akzent gesetzt: Die kleine Tür, die früher auf einen Balkon des Liebfrauenhauses führte, hat er vergrößert und einen Treppenaufgang geschaffen. Auch der Keller des ehemaligen Schwesternheimes hat heute eine andere Funktion: „Hier befindet sich ein Lager, das ist ideal.“

In der City präsent

Als ideal empfindet der Autohändler auch die Lage seines Hauses – aus einem ganz einfachen Grund: „Etwas besseres, als hier an der Hauptstraße unseren Sitz zu haben kann uns doch gar nicht passieren. Hier bin ich in der City, hier sind wir präsent. Aus meiner Sicht ist es immer besser, in der Stadt zu bleiben. Die Leute sind heute bequem geworden.“ Deswegen war Dieter Barkschat auch entsprechend hellhörig, als er damals mitbekam, dass das Schwesternhaus verkauft werden sollte. 1989 begann er auf dem ehemaligen Modrow-Gelände sein Geschäft, erweiterte erstmals 1995 und suchte Anfang der 2000er-Jahre nach einer größeren Fläche.

Kneipe „Zum Herrenberg“ gekauft

Als er bereits erste Pläne für einen Wechsel auf die Haar in der Schublade liegen hatte, kam das Angebot mit dem Liebfrauenhaus – in unmittelbarer Nähe seines bisherigen Autohauses. „Das war klar, dass das für uns die bessere Lösung war.“ Schon 2000 hatte er ebenfalls direkt neben seinem Autohaus die einstige Kneipe „Zum Herrenberg“ aufgekauft und zu einem Rollerladen umgebaut. Noch während der Umbauarbeiten an dem Liebfrauenhaus kaufte er zudem den ehemaligen Garten an der Einfahrt zum Josefswäldchen. Direkt gegenüber der nun entstandenen „Nissan-Meile“ schuf er dort eine weitere Ausstellungsfläche. Im Prinzip reichen die Ausmaße des heutigen Hauses mit der Nummer 117 also gewissermaßen über die Hauptstraße.

Blick über beide Kirchen

Den besten Überblick über dieses verzweigte Gebäude- und Häuser-System hat man übrigens aus dem ersten Obergeschoss des Liebfrauenhauses. Und hier kommt noch ein besonderes Schmankerl hinzu: Von hier oben eröffnet sich der Blick über ganz Warstein, man sieht sowohl die Pankratiuskirche als auch die Alte Kirche.

Den Überblick verliert man so bestimmt nicht.