„Ich bin immer auf dem Teppich geblieben“

Warstein..  Das geht ja gleich gut los. Wir haben noch nicht einen Fuß vor den anderen gesetzt, da droht der Bürgermeister schon: „Wir machen ja lange Schritte. Das langsame Bummeln sind wir nicht gewohnt“, antwortet er auf die Frage von Fotograf Uwe Nutsch, wie lange wir denn in etwa für den „Talk am Turm“ brauchen werden.

Kaum hat er den Satz ausgesprochen, legt er auch schon los und ich sehe nur noch die Hacken von Gödde. Das kann ja heiter werden. Ich habe keine Ahnung, ob es so etwas wie eine Bestzeit auf dem Weg zum knapp vier Kilometer entfernten Lörmecketurm gibt. Wenn ja, wird sie heute vermutlich pulverisiert. Es winkt ein Rekord für die Ewigkeit. Dass Gödde den Weg zum Turm überhaupt schafft und dazu noch eine flotte Sohle auf den Waldweg stapft, ist ein kleines Wunder; ein medizinisches Wunder: „Ohne die gute Arbeit in unserem Krankenhaus Maria Hilf wäre ich heute ganz sicher nicht hier.“

Als ihn im Herbst vergangenen Jahres eine doppelseitige Lungenembolie und ein Lungeninfarkt gewaltig aus der Warsteiner Umlaufbahn geworfen haben, da hat er gespürt, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns alle bewegen.

„Das war ein Warnschuss vom lieben Gott“, ist der tiefgläubige Katholik überzeugt. Ein Warnschuss, der ihn in den eigenen Grundfesten hat erzittern lassen. „Ich hatte während der Zeit im Krankenhaus und in der anschließenden Reha in Bad Driburg ja genug Zeit, über vieles nachzudenken.“ Diese Zeit hat er genutzt, um die eigene Lebensplanung auf einen äußerst kritischen Prüfstand zu stellen.

Gödde hält an, atmet tief durch und setzt dann ein schelmisches Lächeln auf: „Bis zum September habe ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, noch einmal zu kandidieren.“ Der Gedanke daran macht ihm auch heute noch sichtlich Freude. Der Bürgermeister feixt: „Mensch, Manfred, habe ich mir gesagt: Denen zeigt du es noch einmal.“Das war zu einer Zeit, als alle Parteien und Vereinigungen im Rat noch heftig um geeignete Kandidaten im Rat gerungen haben. Namen wie Schöne oder Ricken waren damals (offiziell) noch nicht im Gespräch.

Dass Manfred Gödde es jedem Bewerber erneut schwer gemacht hätte, ihn vom Chefsessel des Rathauses in der Dieplohstraße zu schubsen, steht außer Frage. Bei der letzten Kommunalwahl hat er schließlich Frank Maatz, dem gemeinsamen Kandidaten von CDU, SPD und Warsteiner Liste, nicht nur erfolgreich die Stirn geboten, sondern die Wahl ebenso überraschend wie souverän für sich entschieden: „Das war ja einmalig, dass sich die anderen Parteien gegen den kleinen Gödde zusammengetan haben. Die Quittung dafür haben sie bekommen. Man hat gespürt, dass das Volk etwas anderes wollte.“

Keine Wahlempfehlung

Die Wahl am 13. September diesen Jahres, bei der sich in Warstein inzwischen sechs Bewerber Volkes Wille stellen, wird er entspannt und gelassen verfolgen. Einen Favoriten hat er nicht, auch eine Wahlempfehlung wird er nicht aussprechen: „Das muss jeder für sich entscheiden; das ist schließlich ein wesentliches Merkmal unserer Demokratie.“

Dass die Vielzahl von Bewerbern vermutlich für eine Stichwahl sorgen wird, ist für Manfred Gödde so etwas wie eine angenehme Begleiterscheinung: Er wird seinen Stuhl wohl erst im Oktober räumen müssen: „Ich bleibe bis zum letzten Tag Bürgermeister.“

Eigentlich könnte er vermutlich jetzt schon abdanken, angesichts von unzähligen Überstunden und Jahresurlauben, die er nicht genommen hat. Aber daran verschwendet er keinen Gedanken, nicht einmal im Ansatz. Denn wenn man Manfred Gödde eines ganz sicher nicht vorwerfen kann, dann, dass er sich nicht rund um die Uhr für seine Stadt, für seine Warsteiner eingesetzt habe. „Ich habe das ja immer gerne gemacht. Gerade der Einsatz für die kleinen Leute; dieses für den Bürger da sein - das hat mir immer am meisten Spaß gemacht.“

Inzwischen hat der 65-Jährige deutlich den Fuß vom Gas genommen. Es ist aber keine Frage der Kondition, die uns ein gemächlicheres Tempo hat anschlagen lassen. Manfed Gödde saugt vielmehr die Schönheit des Waldes in sich auf: „Ist das nicht einfach herrlich“, schwärmt er, bleibt wieder stehen und betrachtet glückselig einen üppigen Waldteppich aus Buschwindröschen: „Im Wald erfährt man Gott.“ Sein ausgestreckter Arm zeigt durch eine Waldschneise: „Da drüben ist Eversberg und dahinten die Spitze ist der Kirchturm von Olsberg.“

Der Wald als Steckenpferd

Der Wald ist so etwas wie sein Steckenpferd: „Das ist ein Pfund, das wir haben.“ Gerade in diesem Teil des 5000 Hektar großen Kommunalwaldes kennt er sich bestens aus. „Kurze Buxe an, Karo (gemeint ist ein Butterbrot) in der Tasche und dann ab in den Wald“, deutet er an, wo wesentliche Teile seiner Sozialisation stattgefunden haben und wo er die erste Prägung seiner tiefen Heimatliebe erfahren hat: „Ich kann nicht lange aus Warstein fort sein.“ Ohne Übergang wechselt er das Thema. Ein Manfred Gödde in Topform – und die hat er heute – ist ein begnadeter Erzähler.

Aber man muss hellwach sein, um ihm folgen zu können; bisweilen dribbelt er durch die Themen wie Lionel Messi durch die gegnerischen Abwehrreihen: Steinindustrie („Wie hat die Steinindustrie in den vergangenen Jahren unsere Heimat verschandelt“), Trinkwasserschutz („Der hat oberste Priorität“), Innenstadtentwicklung („Die neue Mitte wird ebenso kommen wie die Umgehungsstraße. Das ist sicher“), Tauben züchten („Letzte Woche war ein guter Flug, vierter Platz“), sein Verhältnis zur Warsteiner Brauerei und zu Catharina Cramer („Wir haben ab und zu Zoff, dann schimpfen wir uns aus. Danach ist alles wieder gut“), Schnaodloipers („Auch das ist für mich Heimat“), Schützenfest („In diesem Jahr nehme ich noch einmal jedes mit“) – Manni Gödde lässt nichts und niemanden aus. Inzwischen sind wir am Turm angekommen. Den Weg auf die Aussichtsplattform spare ich mir. Seit meinem Sturz von der Leiter ist die alte Höhenangst wieder da. So etwas kennt Gödde nicht. „Von da oben haben wir eine herrliche Aussicht.“ Und stürzt auch schon los. Uwe Nutsch hat Schwierigkeiten, Schritt zu halten.

Hellseherische Fähigkeiten

Es dauert keine zehn Minuten und beide sind wieder unten angekommen. Auch jetzt legt Gödde keine Pause ein. Er klärt noch kurz auf, was es mit den beiden mannshohen Holzfiguren auf sich hat („Das sind Manni und Willi – sie symbolisieren die tiefe Verbundenheit der beiden Kommunen Eversberg und Warstein“), marschiert zum Holzkreuz, das Pfarrer Karl Henke hat aufstellen lassen, und liest den angebrachten Spruch laut vor: „In dem Garten der Natur siehst du Gottes Spur. Doch willst du noch Größeres sehn, so bleibt vor diesem Kreuze stehn.“

Zum ersten Mal gönnt sich Gödde eine besinnliche Pause. Dann treten wir auch schon den Rückweg an. Über uns wogt der Wald. In den Baumwipfeln pfeift der Wind. Immitiertes Meeresrauschen. Auch auf dem Rückweg gehen uns die Themen nicht aus. Häufig scheint Manfred Gödde über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen: Während ich mir meine nächste Frage noch zusammenbastele, nimmt er die Antwort schon vorweg „Ich glaube nicht, dass ich mich durch die Zeit als Bürgermeister großartig verändert habe. Mir haben vor der ersten Wahl immer alle gesagt: Bleib wie du bist; bleib Göddens Manfred und krieg bloß keinen Riss in der Birne. Ich glaube, dass ich das geschafft habe. Ich bin immer auf dem Teppich geblieben.“