Hungerstreik nicht das passende Mittel

Asylbewewerberunterkunft am Heidberg bei Rüthen, seit 20 Jahren genutzt.
Asylbewewerberunterkunft am Heidberg bei Rüthen, seit 20 Jahren genutzt.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Zu einsam finden Bewohner des Asylbewerber-Heimes am Heidberg ihre Wohnsituation, einige von ihnen sind daher in Hungerstreik getreten. „Die Männer sind instrumentalisiert worden“, befürchtet Betreuerin Helga Schüller.

Rüthen..  Am Rosenmontag waren die beiden jungen Männer aus Pakistan noch guter Dinge. Zusammen mit Helga Schüller, die die Asylbewerberunterkunft am Heidberg ehrenamtlich betreut, waren sie zum Rosenmontagszug in Rüthen gefahren, sahen sich die bunten Wagen an. Getränke, die ihnen angeboten wurden, nahmen sie nicht, auch Kamelle sammelten die beiden Pakistani nicht auf. Sie haben beschlossen in Hungerstreik zu treten, wobei die Angaben über die Zahl der Betroffenen je nach Quelle zwischen zwei und fünf schwanken.

Hungerstreik – eine radikale Methode, um gegen unzumutbare Zustände protestieren. Doch weder scheinen diese am Heidberg vorzuliegen, noch ist die Idee zum Hungerstreik den beiden selbst gekommen. Überredet wurden sie hierzu von dem Niederbergheimer Karl Spiekermann, der mit dem Hungerstreik eine Schließung der Einrichtung erreichen möchte. Er prangert an, dass es für die Menschen am Heidberg unzumutbar sei, acht Kilometer von der Stadt Rüthen entfernt am Waldrand leben zu müssen – und das ohne eine regelmäßige Verkehrsanbindung. Lediglich ein Sammeltaxi gibt es, das die Bewohner nach Anmeldung morgens um 8 Uhr nach Rüthen und abends um 17 Uhr wieder zurück bringt.

Und es gibt Helga Schüller, die die Bewohner seit zwei Jahren ehrenamtlich betreut, und mehrere Senioren, die regelmäßig nach den noch sechs hier wohnenden Asylanten sehen und diese fahren – wie etwa zum Rosenmontagszug. „Morgens war Karl Spiekermann da, um die Bewohner zum Hungerstreik zu überreden – sie regelrecht zu manipulieren“, erzählt die engagierte Warsteinerin. „Die haben das mehr als Spiel aufgefasst. Sie haben sich im Auto unterhalten: In ein paar Tagen geht es uns schlecht, dann kommt Mr. Karl und bringt uns ins Krankenhaus’. Was Hungerstreik wirklich bedeutet, ist ihnen gar nicht klar.“

Bevölkerung kümmert sich

Ins Gewissen habe sie den beiden Männern geredet, gleiches habe auch Apotheker Dr. Tannhäuser, der sich sehr für die Asylanten engagiert, später in Rüthen getan. „Er hat ihnen ins Gewissen geredet, das hat sie schon etwas nachdenklich gemacht.“ Ebenso wie die Ermahnungen von zwei ehemaligen Heidberg-Bewohnern, die man später im Café getroffen habe. „Die haben die beiden ganz schön zusammengestaucht, dass dieser Hungerstreik ein Schlag ins Gesicht der Rüthener sei, die sie regelmäßig zum Deutschunterricht fahren. – Die Bevölkerung kümmert sich ganz prima. Man kann ihr nur Respekt zollen.“

Eine Lanze bricht Helga Schüller auch für die Einrichtung am Heidberg. „Wenn man das mit anderen Einrichtungen vergleicht, ist es nicht schlecht: Die sanitären Anlagen sind top und sauber, jeder Bewohner hat ein großes eigenes Zimmer, sie müssen sich das nicht zu Zweit teilen.“ Das Manko sei eben die Lage und dass es keine vernünftige Verkehrsanbindung gibt. Hinzu kommt, dass nur noch eine Handvoll Menschen in der Einrichtung wohnt, diejenigen, die eine Arbeit gefunden haben, weggezogen sind. „Die dort noch wohnen sind jetzt in einer Phase, wo sie sagen: Wir möchten hier nicht mehr sein.“

Daher bemühe sie sich auch, eine adäquate Arbeit für die Männer zu finden, eine Aufgabe, die sie früher schon während ihrer Tätigkeit bei IBAHS für die ehemaligen LWL-Patienten geleistet hat. Im Falle eines der Pakistani sei sie auf einem guten Wege, bei einer Lkw-Firma in Cobbenrode könne er vorstellig werden – und dann auch ins Sauerland umziehen. „Aber das geht nicht von heute auf morgen.“

Integration wichtig

Auch vor diesem Hintergrund hofft sie, dass die Männer sich besinnen. „Wenn einem von ihnen etwas passiert durch den Hungerstreik, muss Herr Spiekermann sich gefallen lassen, dass er an den Folgen die Schuld trägt. Er hat sie beispielsweise nicht aufgeklärt, dass sie während des Hungerns viel trinken müssen.“ Überhaupt habe sie den Eindruck, dass der Möhnetaler die Heidberg-Bewohner instrumentalisiere. „Er weiß in seiner Gutherrenart, was für alle das beste ist.“ – Mit zweifelhaftem Erfolg. So habe Spiekermann etwa durchgesetzt, dass ein junger Mann aus Eritrea in eine Wohngruppe in Belecke verlegt wurde, wo er nun zusammen mit Landsleuten lebt. „So kreiert man auch eine Parallelgesellschaft. Ich finde das total verkehrt.“ Vor allem, da der junge Mann in Rüthen Freunde gefunden habe, dort Fußball spiele. Hierhin musste er gestern zum Training – Helga Schüller machte den Fahrdienst.