Gerrit Greiß will nicht „Heiliger von Niederbergheim“ sein

Naima Fischer im Gespräch mit Gerrit Greiß beim „Talk am Turm“.
Naima Fischer im Gespräch mit Gerrit Greiß beim „Talk am Turm“.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Es war nicht fehlende Zeit, die Gerrit Greiß zunächst als Grund für seine Zurückhaltung angab, mit WP-Volontärin Jana Naima Fischer zum Lörmecketurm zu wandern.

Warstein..  Gerrit Greiß telefoniert. Er steht auf dem Parkplatz und wartet schon, zieht mit den Schuhspitzen kleine und große Formen in den Schnee. Energisch und engagiert klingt er und man weiß gleich, dass es ein wichtiges Gespräch ist. Ein Gespräch, für das er sich Zeit und Ruhe nimmt, denn er lässt uns warten. Dafür entschuldigt er sich mit einem Blick und einem festen Händedruck. „Wir organisieren gerade Sprachkurse für die Flüchtlinge. Anstatt zehn Menschen nach Soest zu karren, wollen wir einen Lehrer herholen. Darum bemühen wir uns“, erklärt er. Schon bevor es also an der Schranke vorbei zum Lörmecketurm geht, sind wir beim Thema.

Gerrit Greiß zu diesem Treffen zu bewegen war nicht leicht. Zwei Tage Bedenkzeit hatte er sich genommen und das nicht, weil er keine Zeit für die Wanderung gehabt hätte. Diese Begründung wäre handfest, denn Gerrit Greiß, dieser Mann mit den strubbeligen Haaren und dem gefurchten Gesicht, kennt das Wort Pause anscheinend nicht. So ist er in der Caritas-Konferenz Niederbergheims tätig, hat den Vorsitz der Tafel, ist ehrenamtlicher Hausmeister und engagiert sich mit einem nach und nach erst erkennbaren, aber unglaublichen Elan für die Flüchtlinge in der alten Schule seines Heimatdorfes.

Doch nicht wegen Zeitmangels musste der Niederbergheimer überlegen. „Stellen Sie mich nicht als Heiligen von Niederbergheim dar. Es gibt so viele andere, die genauso viel tun wie ich.“ Das sagt er am Telefon, als er schließlich doch ja sagt, zum Talk am Turm, und das sagt er auch jetzt, bevor es wirklich los geht.

Im Wald herumzulaufen, das sei nichts Neues für Gerrit Greiß. Früher war er in der Forstwirtschaft tätig, sagt er, als ich ihn auffordere, einfach mal biografisch zu erzählen, was er bisher mit seinem Leben gemacht hat. Mit nur einem Satz erwähnt er das, dann geht es schon weiter zum eigentlichen Thema, denn Gerrit Greiß scheint ein Mann mit Prioritäten zu sein.

Viele Einzelschicksale

So beginnt er zu erzählen, wie die ganze Sache mit der Flüchtlingshilfe überhaupt begann. „Damals, wie lang ist das her, vier oder fünf Jahre, da gab es einen jungen Afghanen, der Hilfe suchte. Der brauchte einen Sprachkursus und hat bei den Hauptamtlichen der Caritas in Soest angerufen, Die konnten das nicht steuern und haben bei uns angerufen. Meine Kollegin hat in die Runde geguckt: Wer kann Englisch? Das war dann ich und damit war ich reif.“

Reif, um mit dem jungen Mann aus Afghanistan zu sprechen. Sein erster Besuch in der Niederbergheimer Schule war das. „Das kann nicht sein“, war damals sein erster Gedanke, als er die Schule betrat. „Der junge Mann wohnte in der Küche, so eine große Küche. Da stand ein Bett und ich hab mir gedacht, das kann es nicht sein, da war ja noch so viel Platz in der Schule.“ Er schüttelt bei der Erinnerung an diesen Tag den Kopf, tritt ein wenig Schnee auf. Noch heute denkt er manchmal, das könne es nicht sein. Das war nicht immer so.

Nur fünf Minuten wohnt Gerrit Greiß von der Flüchtlingsunterkunft entfernt, dachte damals, dass die Menschen dort in Sicherheit seien, Strom und Wasser hätten, Geld bekämen, dass es ihnen nicht schlecht gehe. Dass aber viele Einzelschicksale dahinter ständen, das sehe man nicht und auch er habe das damals nicht gesehen, gibt er zu. Zu seiner eigenen Schande, wie er hinzufügt.

Das ist seit seinem ersten Tag in der Schule anders. „Wir können nicht allen Menschen helfen, denen es schlecht geht, aber wir müssen den Menschen helfen, die hier sind und mit ihnen auch vernünftig umgehen. Es gibt da auch noch ziemlich viele weiße Flecken auf der Karte, wo noch nicht genug getan wird. Da engagiere ich mich nun ein wenig.“

Fünf Minuten gehen wir erst, trotzdem hat Gerrit Greiß schon viel gesagt, das zum Nachdenken anregt. Das kann er gut, zum Nachdenken anregen. Mit simplen Sätzen wie diesen oder Lösungsvorschlägen für die Flüchtlingspolitik in Deutschland, die er oft zu unmenschlich für die Flüchtlinge findet, die einen langen Weg hinter sich haben.

Einen Leidensweg, den sich die Menschen hier nicht vorstellen könnten. „Das sind Jungs und Mädels, die sind quer durch die Sahara gekommen, das würden wir nicht auf die Reihe kriegen. Da wären wir nach zehn Kilometern mausetot. Aber so alltägliche Dinge, die hier bei uns eben Usus sind, das müssen die erst lernen“, sagt er.

Diese Dinge bringt er seinen „Jungs und Mädels“ bei. Er fährt mit ihnen zum Amt, regelt Papierkram, erklärt Rechnungen und versucht ihnen die schwierigen Prozesse im Anerkennungsverfahren verständlich zu machen. Darauf setzt er jetzt seine Prioritäten, klar und zielgerichtet. „Ich hab da jetzt was angefangen mit der Flüchtlingsarbeit, da hat man erst gedacht: Gut, das geht so ein, zwei Jahre. Aber aufgrund der Tatsache, dass immer mehr Flüchtlinge kommen, weiß ich ja, dass die Arbeit nicht weniger wird. Und da muss man fragen: Was möchte ich wirklich?“

Ein Schneemann begegnet uns auf unserem Weg durch den verschneiten Wald. Mit Strohhaaren lacht er uns entgegen. Greiß würdigt ihn keines Blickes, sondern erzählt weiter: Jeden Tag fährt er in die Flüchtlingsunterkunft, investiert viel Zeit und Energie. Warum, frage ich ihn. „Ja, wie kam das? Genau genommen bin ich ein Typ, der kann nicht Nein sagen. Wenn einer kommt und sagt ,Ich hab das Problem und das Problem’ und wenn ich da eine Möglichkeit gefunden habe, dem zu helfen, dann hab ich das einfach getan.“

Einmal pro Monat helfen reicht

Einfach machen, ohne nachzudenken. Das wiederholt er, als das Gespräch auf den Arbeitskreis Asyl kommt. Trotz Skepsis verspricht er sich einiges von dem runden Tisch. So könne man Informationen vermitteln, Menschen finden, die eventuell helfen wollen. Ihnen müsse nur klar sein, dass sie nicht mit Haut und Haaren gefressen werden sollen. Einmal pro Monat helfen, das reiche aus, sagt er. Er kickt eine Buchecker beiseite. „Der Winter ist nicht hart genug. Hier liegen noch Bucheckern herum, die Wildschweine haben noch keine gefressen.“ Der Förster eben, der er mal war.

Gleich nach dieser Plauscherei sagt er wieder so etwas, was einen zum Nachdenken bringt. „Die Gesellschaft tut nicht genug für die Flüchtlinge.“ Doch was fehlt? Informationen, sagt Gerrit Greiß, dem kleine Schneeperlen im Haar sitzen. Fehlende Informationen, das sei auch oft der Grund für Diskriminierung und Vorurteile. „Ich stelle immer fest, wenn ich mit den Leuten darüber rede und die sagen, es geht denen doch gut hier, und ich denen erzähle, was für ein Hintergrund hinter den Menschen steckt, dann werden die Augen immer größer und größer und dann kommt: ,Das hab ich nicht gewusst.’“ Das sei Aufgabe der Integrationspolitik. Eine Aufgabe, die sie aber nicht erfülle. Dabei seien die Flüchtlinge eine echte Chance für die Gesellschaft. „Das sind doch clevere Jungs“, sagt er. Er redet schnell und so wie ihm der Mund gewachsen ist.

Viele Probleme seien für ihn gelöst, wenn man den Flüchtlingen gleich vor der Anerkennung einen Sprachkurs „aufdonnern“ würde. So würden diejenigen, die nicht deutsch lernen und sich somit auch nicht integrieren wollen, direkt erkannt, und alle Flüchtlinge könnten die lange Wartezeit auf ihr Anerkennungsinterview sinnvoll nutzen. Das ist nur einer dieser Lösungsansätze, die er parat hat.

Angekommen. Am Lörmecketurm. Gerrit Greiß schenkt ihm lange keine Beachtung, sondern erzählt von Einzelschicksalen. Menschen, die seit Jahren auf ihre Anerkennung warten. Eine Frau, die alle drei Monate erneut Angst vor der Abschiebung hat. Ein Mann, der aus Frust und Verzweiflung eine Scheibe einschlug, weil er ein Ventil für seine Wut brauchte. Ein Junge, der mitansehen musste, wie seine Mutter und Schwester in den Tod gesprengt wurden. Er kennt all die Namen dieser Menschen, weiß genau über ihre Schicksale und Geschichten Bescheid, kümmert sich und erzählt von Erfolgen.

Aber auch von Problemen, denn eitel Sonnenschein ist nicht immer in Niederbergheim. Dann scheut sich Greiß auch nicht, mal die Polizei anzurufen. Er will keine Probleme. „Es wäre nichts schlimmer, wenn zwischen Bevölkerung und Schule irgendein Krieg herrschen würde. Samstag sprach mich die Pfarrgemeinderatsvorsitzende an, dass sie im Hasenhaus ein Frühstück als offene Begegnung mit dem Niederbergheimern organisieren möchte. Ich hoffe, da werden einige kommen, nur um sich mal besser kennenzulernen. Aber jetzt lassen Sie uns zurückgehen, Sie frieren ja schon.“ So ist Gerrit Greiß, aufmerksam.

Mit den Eltern früh in Dänemark

Nebel hat sich über den Turm gelegt und im frisch gefallenen Schnee hinterlassen wir tiefe Abdrücke, als es zurück geht. „Ich gehe da immer etwas von mir aus. Ich war schon früh mit meinen Eltern in Dänemark, da sprechen die heute alle deutsch, aber damals konnten sie es nicht und wenn wir dazwischen wollten, mussten wir die Sprache lernen. Dadurch kann ich nun Dänisch und habe viele Freunde dort. Mein Vater hat immer gesagt: ,Mach die Ohren auf, und halt erstmal den Mund. Und lerne!’ Das hab ich gemacht und deswegen weiß ich, dass das hier das Gleiche ist. Man muss aufeinander zugehen und lernen offen zu sein“, erzählt er.

Ich frage ihn, ob sich in der letzten Zeit im Umgang mit Flüchtlingen etwas verändert hat. Er nickt eifrig. Durch die lokale Berichterstattung, die immer und immer wieder gelaufen sei, seien die Menschen offener geworden, würden zahlreich Hilfe anbieten und sich aufgeschlossener verhalten. „Wenn da irgendwo steht, dass in Berlin zwanzig Leute vor einem Asylheim stehen, damit der eine nicht abgeschoben wird, da sagen die Leute – und ich meine, ich war da früher nicht viel besser –, dass Berlin weit weg sei. Der lokale Bezug ist dabei sehr wichtig, sonst fühlen die Menschen sich nicht angesprochen.

Allein Daniel und Akberet werden von den Leuten auf der Straße wegen des Berichts erkannt. Ihnen wird ,Guten Tag’ gesagt. Das macht schon viel aus“, freut sich Gerrit Greiß. So hätten die Flüchtlinge auch Spenden in Form von Elektroartikeln erhalten. Einige würden sich um die Flüchtlinge in der Nachbarschaft kümmern, mit ihnen einkaufen fahren. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sei da.

Gerrit Greiß erzählt noch viel mehr, während der Schnee laut knirscht und der Wind immer kälter wird. Irgendwann ist der Parkplatz in Sicht, auf dem er zwei Stunden zuvor einsam Kreise zeichnete, die nicht mehr zu sehen sind. Als hätte er es abgepasst, formuliert er sein Schlusswort. „Flüchtlinge kann und darf man nicht hängen lassen. Wenn man allein sieht, dass sie sich freuen, wenn ich vorbei komme, Kaffee mit ihnen trinke und Späße mache. Einfach zeigen, dass man die Nase eben genauso wie sie im Gesicht hat und wenn wir uns den Finger schneiden, auch bei uns rotes Blut rauskommt.“