Gerald Wege: „Für mich gibt es keine Kernstadt Warstein“

Talk am Turm mit Gerald Wege
Talk am Turm mit Gerald Wege
Foto: WP
Was wir bereits wissen
In Warstein geboren, in Belecke aufgewachsen, in Allagen heimisch geworden – für Gleichberechtigung unter den Ortschaften streitet Ortsvorsteher Gerald Wege im Talk am Turm.

Warstein..  „Wer zuerst oben ist!“ Gerald Wege sagt’s und sprintet die 204 Stufen zum Lörmecke-Turm in Rekordzeit hinauf. Auf der Aussichtsplattform peitschen Böen die Schneeflocken in Augen und Ohren, eisige Kälte kriecht unter die Winterkleidung, die Aussicht reicht im Nebel gerade bis zu den nächsten Baumwipfeln. Wege scheint all das nichts auszumachen. Gelassen lehnt er sich an das Geländer und lässt sich fotografieren. Als Mann der Tat sieht sich Allagens Ortsvorsteher, der sich auch von so manchen Widrigkeiten – wie schlechtem Wetter – nicht aufhalten lässt. „Es geht darum mit anzupacken, etwas zu erreichen“, sagt er, „nicht darum, den Titel Ortsvorsteher vor sich her zu tragen.“

Die meisten Ortsvorsteher werden in ihr Dorf hineingeboren, wachsen dort auf, wissen, welche Geschichten die Menschen miteinander verbinden, sind Teil dieser Geschichten. Gerald Wege wurde 1962 dagegen in Warstein geboren – das Elternhaus stand direkt gegenüber dem Bullerteich. Schon als Kind ist er dann mit seiner Familie nach Belecke gezogen. Seit 1994 lebt er in Allagen.

Längst kein Zugezogener mehr

Dort engagierte sich Wege lange auf unscheinbarem Posten im Jugendbereich der TuS-Fußballabteilung, bevor er vor wenigen Jahren zu deren zweitem Vorsitzenden wurde. „Immer meckern, aber nicht anpacken ist nicht mein Ding“, sagt er, „deswegen habe ich gesagt: Okay, dann kandidiere ich auch als Ortsvorsteher.“ Vielleicht weil ihm das Erreichen seiner Ziele wichtiger ist als der große Auftritt, wählten ihn die Allagener im vergangenen Mai zum Nachfolger von Peter Linnemann. Vielleicht aber auch, weil er längst nicht mehr wirkt wie ein Zugezogener.

„Wie das so ist“, erzählt er von seinen Anfängen im unteren Möhnetal, während am Stimmstamm der erste Schnee dieses Winters einsetzt, „man geht in den Schützenverein, in den Sportverein, wird aufgenommen und mischt sich unter die Menschen.“ Fühlt sich Gerald Wege inzwischen wie ein richtiger Allagener? „Ja, klar“, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten. Fühlt er sich auch als Warsteiner? „Allagen gehört ja zu Warstein und da sollten alle zusammen arbeiten.“ Der 52-Jährige setzt auf Zusammengehörigkeit ebenso wie auf Gleichberechtigung der neun Ortschaften. „Für mich gibt es keine Kernstadt.“ Wege ist überzeugt: „Wir sind eine Gemeinde und wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, kommen wir zu nichts.“

Dass das auch heute – 40 Jahre, nachdem sich die Stadt Warstein in ihrer heutigen Form zusammenfügte – noch betont werden muss, erklärt sich Gerald Wege mit mangelnder Kommunikation. „Es sitzen viele Politiker in den Gremien, die schon lange miteinander zu tun haben. Da spielen auch persönliche Belange und ein großer Filz eine Rolle“, sagt er, „nach dem Motto: Wenn der eine etwas will, wollen wir das nicht. Nur auf die Weise erreicht man nichts.“ Wege selbst ist politischer Neuling, erst zur Kommunalwahl in die CDU eingetreten. „Die Partei ist für mich auf kommunaler Ebene am attraktivsten.“

Talk am Turm mit Gerald Wege und Thorsten Streber Foto: Tim Cordes Mehr miteinander sprechen

Als Versicherungsfachmann muss der 52-Jährige von Haus aus ein kommunikativer Typ sein, das Gespräch auch in schwierigen Situationen suchen. Und so versteht er nicht, warum in der Warsteiner Politik – zwischen Parteien, zwischen den einzelnen Ortschaften – nicht mehr miteinander gesprochen wird. „Es gibt natürlich Kirchturmdenken, was aber auch nachvollziehbar ist“, sagt er, „denn jeder Politiker versucht, für seinen Ort etwas zu erreichen.“ Um diese Interessen abzustimmen, gibt es für ihn nur ein Mittel: „Ich würde mir wünschen, dass man sich mehr darüber unterhält.“

Genau diese Kommunikation hat ihm etwa in der Frage, ob mehr Einzelhandel in Sichtigvor angesiedelt werden solle, gefehlt. „Es macht doch Sinn, dass das Möhnetal, dass auch die Allagener ihr Geld in Warstein lassen, anstatt es nach Soest zu bringen“, fordert er ein Umdenken. Die Angst, dass ein stärkerer Geschäftsstandort im Möhnetal den Zentren Warsteins und Beleckes schaden könne, hält er für unbegründet. „Das ist meiner Meinung nach eine falsche Denke“, sagt Wege, „weil es das untere Möhnetal nun einmal nach Soest zieht.“

Auf den Wanderweg hat sich inzwischen eine Schneeschicht gelegt, die Frisur ist durchnässt, aber der zweifache Vater lässt sich davon nicht stören. „Ich bin das gewohnt“, erzählt er, schließlich steht er bei den Alten Herren in Allagen immer noch regelmäßig auf dem Fußballplatz. Auch im sportlichen Bereich könnte er sich mehr innerstädtische Zusammenarbeit vorstellen, etwa was die Jugend-Abteilungen betrifft. Denn auch hier gilt: „Zusammen können wir schlagkräftiger auftreten.“

Bürgermeister mit Rückgrat gefordert

Andererseits lobt Wege die Eigeninitiative der einzelnen Ortsteile. „Es ist für die Stadt Warstein enorm wichtig, dass es Menschen gibt, die unser Umfeld positiver gestalten und damit dafür sorgen wollen, dass es Spaß macht, hier zu wohnen“, sagt er und hebt etwa die Pflanzaktion in Allagen und Niederbergheim hervor, die das Erscheinungsbild verbessern. „Wenn die Leute in Niederbergheim reinkommen und in Warstein nachher wieder rausfahren, sollen sie sagen: Oh, das ist aber schön hier.“

Gerald Wege wünscht sich mehr Engagement der Verwaltung, die Kosten für die Blumen müssen die ehrenamtlichen Helfer etwa selbst tragen. „Dass man da nicht 200 Euro übrig hat, stelle ich mal in Frage.“ Ganz generell gelte: „Wenn die einzelnen Dörfer darauf warten, dass von der Stadt Warstein etwas passiert, können sie lange warten.“ Wege hofft, dass die neun Ortschaften im Rathaus künftig die Bedeutung erhalten, die sie verdienen.

Als Ortsvorsteher will er sich dafür einsetzen. „In dem halben Jahr, in dem ich jetzt dabei bin, wurde kaum über die Dörfer gesprochen“, kritisiert er. Helfen können aber auch die Dorfinitiativen. „Man wird sehen, ob die Ortsteile durch deren Anträge vielleicht mehr Gewichtung bekommen und sich bemerkbar machen .“

Stadt in die Moderne führen

Helfen könnten auch die Wechsel an der Verwaltungsspitze, die 2015 möglicherweise anstehen. „Wenn der neue Beigeordnete kommt“, sagt Wege, „sehe ich auf jeden Fall die Chance, das Stadtgefühl zu stärken.“ Noch entscheidender sei, wer die Bürgermeisterwahl im September für sich entscheidet. Frische Ideen, neue Gedanken, einen Blick über den Tellerrand erhofft er sich. Denn Konzepte, die in die Zukunft weisen, sind es, die der Unternehmer in seiner Heimatstadt vermisst. „Ich habe im Augenblick das Gefühl, es ist seit Jahren Stillstand und es wird nichts Neues angepackt.“

„Wo soll Warstein in fünf Jahren stehen?“, fragt sich Gerald Wege. Er gibt Ideen vor: Innovatives versuchen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und damit die kürzlich beschlossene Gewerbesteueranhebung unnötig zu machen. Nicht nur sparen, sondern versuchen, weiterhin zu gestalten – auch wenn dafür Mittel nötig sind, die zuerst unangenehm erscheinen. Die Stadt in die Moderne führen. „Gucken Sie sich mal die Homepage der Stadt Warstein an“, gibt er ein Beispiel, „die PDF-Dokumente, die man dort herunterladen kann, sind noch nicht mal beschreibbar. Auf mich wirkt das hinterwäldlerisch.“

Der neue Bürgermeister müsse ein guter Kommunikator sein, der „die Ratsmitglieder unter einen Hut bringen kann“, ist Gerald Wege überzeugt: „Es braucht einen Häuptling mit Rückgrat, der auch mal klar seine Meinung sagt.“ Allagens Ortsvorsteher lässt keinen Zweifel daran, dass er diese Anforderungen erfüllt.

Aber selber Bürgermeister werden? „Ich, Bürgermeister?“, lacht er die Frage weg, „das ist vielleicht zwei Nummern zu hoch für mich.“ Er lacht noch einmal und schiebt hinterher: „Ich sage mal so: Wenn es keiner macht, dann würde ich es tun.“

Ein Motto hätte er vielleicht sogar schon: „Warstein in einem Fluss“ – so überschrieb das Planungsbüro Junker und Kruse die Vorschläge für die Verschönerung der Warsteiner Innenstadt. „Das könnte auch für ganz Warstein gelten“, glaubt Gerald Wege, „und nicht nur für die Möchtegern-Kernstadt.“