Das aktuelle Wetter Soest 13°C
Prozess

Gen-Test könnte Mord vor 22 Jahren entschlüsseln

02.09.2009 | 11:01 Uhr
Gen-Test könnte Mord vor 22 Jahren entschlüsseln

Soest. Im Mordfall von Ostönnen hat der Angeklagte zwar beharrlich geschwiegen, doch ein Gen-Test ergab, dass er sich am Tatort befunden hat. Unter den Fingernägeln der erstochenen Frau wurde Gen-Material des Angeklagten gefunden. Die Hoffnung, das Verbrechen nach 22 Jahren zu entschlüsseln, steigt.

Diese Blicke scheinen, den Angeklagten förmlich durchbohren zu wollen. Pausenlos fixieren die drei Brüder der vor 22 Jahren ermordeten Ursula Scheiwe den Mann, der ihnen direkt gegenüber sitzt. Was sich in ihren Köpfen abspielt, kann man nur erahnen. Welch schmerzende Frage sie formulieren, dürfte hingegen feststehen: Hat er unsere Schwester umgebracht? Ist Jörg ihr Mörder? Jörg, mit dem wir aufgewachsen sind, mit dem wir regelmäßig zusammen zum Fußballplatz gegangen sind. Jörg, mit dem wir in der Mordnacht Bier getrunken haben?

Keine Antworten

Eine Antwort auf diese Frage, die nach so langer Zeit den ganzen Schmerz und das große Leid, das in der lauen Mainacht im Jahre 1987 über die Ostönner Familie Scheiwe hereingebrochen ist, wieder aufs Neue aufwühlt, bekommen die Brüder, die als Nebenkläger auftreten, auch an diesem zweiten Prozesstag vor dem Arnsberger Landgericht nicht. Wohl aber bringt die Verhandlung Hinweise, die den Verdacht erhärten, dass Jörg B. die tödliche Messerstiche ausgeführt hat. Polizeihauptkommissar Gregor Schmidt etwa hatte während der ersten Vernehmung im Februar 2009 das Gefühl, dass B. kurz davor war, ein Geständnis abzulegen: „Es wurde deutlich, dass er etwas sagen wollte, so als wenn er eine große Last loswerden wollte.” Letztlich aber konnte er sich nicht überwinden. „Irgendetwas”, so Schmidt, „hat ihn zurückgehalten.”

Sonderlich überrascht sei der Beschuldigte nicht gewesen, als die Polizei vor knapp acht Monaten frühmorgens um 6 Uhr bei ihm anschellte und eröffnete: „Sie sind verhaftet.” Dass man in einer solchen Situation nicht einmal frage, warum denn? Was habe ich denn gemacht? - das sei schon ungewöhnlich, berichtete Schmidt, der in der Mordkommission Dortmund eingesetzt ist. Auch dass B. während der Vernehmung geweint habe, sei für jemanden, der sich nichts habe zuschulden kommen lassen, nicht gerade typisch. In seiner langen beruflichen Tätigkeit habe er so ein Verhalten noch nicht erlebt, erklärte Schmidt und sagte weiter: „Meine Stärke sind Vernehmungen. Ich bin ein sehr erfahrener Vernehmungsbeamter.”

Nicht überrascht

Auch dass der Angeklagte der Aufforderung zum Gen-Test erst nach mehrmaliger Aufforderung nachgekommen sei, hat die Beamten skeptisch gemacht. Von Oktober bis Ende Januar habe es gedauert, bis B. zum Speicheltest erschien. Und schließlich war da noch die Aussage des Angeklagten, die allerdings schon 22 Jahre zurückliegt, dass er nie am Tatort war. Der Gen-Test beweist eindeutig das Gegenteil: Unter den Fingernägeln der Ermordeten hat man Gen-Material gefunden, das von B. stammt

Schlechter Schüler

Zum Auftakt des gestrigen zweiten Verhandlungstages hatte Erdmann versucht, einen Einblick in die Persönlichkeit des 40-Jährigen zu bekommen. Recht präzise beantwortete dieser alle Fragen und berichtete dabei von einer schwierigen Kindheit. Besonders der Vater, ein Handlanger auf dem Bau, sei oft brutal in Erscheinung getreten und habe sowohl seine Ehefrau als auch die insgesamt sieben Kinder immer wieder geschlagen. Offenbar hat auch regelmäßiger Alkoholgenuss bei den Wutattacken des väterlichen Tyrannen eine Rolle gespielt.

Zweimal verheiratet

An die Schulzeit hat er ebenfalls keine gute Erinnerung („Ich war ein eher schlechter Schüler”). So hat es zu einem Hauptschulabschluss ohne Qualifikation gereicht. Nachdem er eine Lehre als „Zeltebauer” abgebrochen hatte, hat er als Metallschleifer und zuletzt als Verkäufer in einem Baumarkt gearbeitet.

Dienstag Fortsetzung

Mit 24 Jahren war er das erste Mal verheiratet. Aus dieser Beziehung stammt eine heute 16-jährige Tochter. Seit 2004 ist Jörg B. erneut verheiratet und lebte bis zu seiner Verhaftung mit Ehefrau Nicole und deren vier Kindern, die aus erster Ehe stammten, in Soest zusammen.  Fragen zu seinem Liebes- und Sexualleben, die besonders die Anwälte der Nebenkläger zu interessieren schienen, wurden auf Anraten des Anwalts von B. nicht beantwortet. Auch der Gutachter wird solche Fragen nicht öffentlich, sondern bei einem Termin mit B. stellen.

Hans-Albert Limbrock

Empfehlen
Rund ums Thema
Kommentare
Facebook
 
Videos die Sie interessieren könnten
Kommentare
01.09.2009
20:07
Gen-Test könnte Mord vor 22 Jahren entschlüsseln
von PoldiMitDer10 | #1

Das Verhalten des Angeklagten ist sehr verdächtig. Ich verstehe nicht, daß er bei der Vernehmung geweint hat und vor Gericht schweigt, anstatt die Tat in der Vernehmung als auch vor Gericht wehement zu bestreiten und sich mit so vielen Aussagen wie möglich zu entlasten. Weiterhin finde ich komisch, daß er gar nicht nach dem Grund seiner Verhaftung fragte, sondern einfach mitgegangen ist. Dann ist da noch die Aussage in der er sagte, daß er nie am Tatort gewesen sei - das gefundene DNA Material sagt da etwas ganz anderes, ganz zu schweigen von der monatelangen Aufschiebung der Termine zum DNA Test. Selbstverständlich darf auch häusliche Gewalt in der Kindheit nicht fehlen um damit, im Falle einer Verurteilung, auf Strafmilderung zu plädieren. Dieses Verhalten sagt einem gesunden Menschenverstand, daß er zu 99 % der Mörder und Vergewaltiger ist. Traurig, daß die Höchststrafe in diesem Fall bei nur 10 Jahren liegt. Jemand der so gewissenlos ist und 22 Jahre mit dem Gedanken leben kann, jemanden vergewaltigt und auf bestialische Art und Weise ermordet zu haben, sollte eine lebenslängliche Haftstrafe mit anschließender Sicherrungsverwahrung bekommen. Den Hinterbliebenen des Opfers mag es ein schwacher Trost sein das Vergewaltiger bei Mitgefangenen auf der untersten Stufe stehen, sein Alltag in der JVA wird, hoffentlich, alles andere als angenehm.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/157432/create

Aktuelle Fotos und Videos
Mit der WLE unterwegs
Bildgalerie
Mitgefahren
Segwaypolo German Masters
Bildgalerie
Segwaypolo
Kraft-Wahlkampf in Soest
Bildgalerie
NRW-Wahl
Schulfest der Nikolausschule
Bildgalerie
Schulfest
Aus dem Ressort
Zu schnell auf nasser Straße
Frontal gegen Lkw
Glück im Unglück hatte am Donnerstagabend ein 19-jähriger Polo-Fahrer aus Rüthen. Er war gegen 18.15 Uhr auf der Kellinghauser Straße in Richtung Lippstadt unterwegs. In einer Rechtskurve rutschte sein Polo auf der regennassen Straße auf die Gegenfahrbahn. Dort kollidierte der Pkw frontal mit einem
71-Jähriger mit Pkw 400 Meter von Eurobahn mitgeschleift
Bahnunfall
Der Fahrer eines Pkw aus Ense im Kreis Soest hatte keine Chance. Der 71-Jährige wurde mit seinem Auto an einem Bahnübergang zwischen Westönnen und Werl von einer heranfahrenden Eurobahn erfasst und 400 Meter mitgeschleift. Die Feuerwehr schnitt den Toten aus dem Fahrzeugwrack.