Früchte des Zorns

Ich habe sie die Früchte des Zorns genannt. Sie waren rot und prall; voll verlockender Süße. Wie sie da so hoch droben in der Oktobersonne golden und eigentlich unerreichbar am Apfelbaum leuchteten, schienen sie mich zu verhöhnen: „Komm und hol uns doch. Oder traust du dich nicht?“


Irgendwann stand die Leiter im Baum. Vergessen das Versprechen, dass ich niemals in den Apfelbaum steigen würde, wenn mir niemand die Leiter halten würde. Mit jeder Sprosse, die ich erklomm, wuchs die Zuversicht, dass die höhnenden Äpfel schon bald im Korb landen würden.


Was dann – und vor allem warum? – passiert ist, ist auf meiner biogenetischen Festplatte ausgelöscht. Die Erinnerung setzt erst wieder am Fuß des Baumes ein: Ich liege auf dem Rücken und ein infernalischer Schmerz durchfließt meinen ganzen Körper. Der Rest ist schnell erzählt. Blaulicht, Rettungswagen, Intensivstation, bis heute vier Operationen.


17 Monate oder 78 Wochen oder 546 Tage liegt der Sturz beim Äpfelpflücken nun schon zurück. Ein langer Leidensweg – stets gepflastert mit vielerlei Hoffnung und mindestens genauso vielen Rückschlägen. Nichts ist mehr so, wie es vorher war.


Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich nicht bis an mein Lebensende für meinen Leichtsinn bezahlen muss. Geduld und Demut sind zwei Tugenden, die ich während der langen Leidenszeit gelernt habe zu verinnerlichen. Den Blick zurück im Zorn auf die Früchte des Zorns habe ich mir weitgehend abgewöhnt. Es bringt nichts. Und Antworten auf Fragen der Kategorie „Warum gerade ich?“ bekommt man sowieso nicht.


Deshalb ist der Blick uneingeschränkt nach vorne gerichtet. Vorsichtig versuche ich, mich wieder in meine Arbeit hineinzutasten; wieder ein Gefühl für Warstein und seine Menschen zu bekommen. Nach den ersten vier Tagen auf zum Teil noch „wackeligen Beinen“ kann ich sagen: „Es fühlt sich gut an!“ Warstein macht wieder Spaß und vielleicht wird das am Ende der wichtigste therapeutische Ansatz sein. Aber kann man Warstein auch mit der Krankenkasse abrechnen?