„Familienhöfe wurden vielfältiger und bunter“

Internationales Jahr der familienbetrieben Landwirtschaft 2014: Landwirt Hubertus Jesse aus Belecke zeigt im Schweinestall ein frisch geborenes Ferkel.
Internationales Jahr der familienbetrieben Landwirtschaft 2014: Landwirt Hubertus Jesse aus Belecke zeigt im Schweinestall ein frisch geborenes Ferkel.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Bauernfamilien müssen sich auf ein immer höher werdendes Veränderungstempo einstellen. Zum Internationalen Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft erzählt Landwirt Hubertus Jesse von den Herausforderungen.

Belecke..  Hubertus Jesse hält ein Ferkel in der Hand, das erst vor ein paar Momenten das Licht der Welt erblickt hat. Es ist noch ein wenig feucht und liegt ganz ruhig, noch etwas geschwächt auf dem Arm des Landwirts, während die etwas älteren Geschwister schon munter an den Zitzen der Mutter ziehen. 25 Geburten gibt es auf dem Hof von Hubertus Jesse pro Woche, bei jedem Wurf kommen 13 bis 14 neue Ferkel zur Welt, jede Woche also weit mehr als 300.

Als Jesses Großvater mit seinem Hof vor 50 Jahren aus der Altstadt auf die Haar gezogen ist, hielt er insgesamt nur rund 60 Schweine, dazu elf Kühe. Auch die Fläche, auf der Familie Jesse das Viehfutter anbaut, hat sich seitdem deutlich vergrößert.

Allein diese Zahlen zeigen, wie sehr sich familienbetriebene Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. „Die Familienbetriebe wurden vielfältiger und bunter“, sagt Hubertus Jesse. Um auf ihre Bedeutung für eine nachhaltige Versorgung hinzuweisen, widmeten die Vereinten Nationen das zu Ende gehende Jahr den Bauernfamilien auf aller Welt.

Von zehn Höfen sind noch drei übrig

In Belecke gibt es heute noch drei Landwirte, die im Vollerwerb tätig sind. „Und die können Sie alle von hier aus sehen“, weist Jesse aus seinem Bürofenster. „In den 60er Jahren wurden noch zehn Höfe aus der Altstadt ausgesiedelt“, erzählt er.

Alle Betriebe haben sich spezialisiert, Jesse auf die Schweine. „Dadurch ist der Arbeitstag für uns kürzer geworden“, sagt er, denn er muss nicht mehr schon früh morgens zum Melken. Auch das Füttern läuft inzwischen automatisch. „Aber es muss trotzdem nach wie vor an 365 Tagen im Jahr jemand im Stall sein, die Tiere müssen versorgt werden“, macht er deutlich, worauf es trotz aller Maschinen weiterhin ankommt. Ein Sinnbild für die Veränderungen ist bereits der Raum, in dem Hubertus Jesse den Besuch empfängt. Ein Computer bildet den Mittelpunkt seines Büros, an der gegenüber liegenden Wand stehen reihenweise Aktenordner. „Früher war das hier noch die Milchkammer“, sagt Jesse, „das kann man sich heute kaum noch vorstellen.“ Muskelkraft spiele im Arbeitsalltag eine wesentlich kleinere Rolle als früher, „ich arbeite am meisten mit den Augen“.

Längere Reisen sind schwierig

In Jesses Kindertagen war es auch noch üblich, dass die ganze Familie auf dem Hof helfen musste. „Meine Frau ist dagegen Erzieherin und hat überhaupt keinen Bezug zur Landwirtschaft“, sagt Jesse, „wobei mein Beruf natürlich auch auf direkten Einfluss auf sie und meine ganze Familie hat.“ So sei es immer noch nicht ganz so einfach, für längere Zeit auf Reisen zu gehen. „Eine gute Woche ist drin“, sagt der Landwirt, dann übernehmen seine beiden Auszubildenden das Kommando in den Ställen, „aber zwei Wochen weg zu bleiben, habe ich mich noch nicht getraut.“

Dass die Strukturen größer geworden sind, hängt wohl auch mit der Globalisierung zusammen, die längst auch in der Landwirtschaft bemerkbar ist. „Verbraucher haben den Wunsch, dass die Lebensmittel vom Bauern von nebenan kommen“, glaubt Jesse, „aber beim Blick auf den Preis sieht das vielleicht wieder ein bisschen anders aus.“

Die Belecker Familienbetriebe konkurrieren mit großen Höfen aus der ehemaligen DDR und Osteuropa. „Große Strukturen schaffen natürlich einen Kostenvorteil“, sagt Jesse, „andererseits sind Familienbetriebe relativ stabil aufgestellt.“ Denn in schlechten Zeiten sei es etwa von Vorteil, keine oder kaum Löhne zahlen zu müssen.

Anderer Blick auf Nachhaltigkeit

„Man sieht sich auf dem Familienhof in der Abfolge der Generationen“, sagt Hubertus Jesse zum Abschluss des Gesprächs, „dadurch hat man auch einen ganz anderen Blick auf den Acker, den wir über Jahrzehnte bewirtschaften.“ Nachhaltigkeit sei auf familienbetriebenen Höfen ein viel entscheidenderes Thema, ist der vierfache Vater überzeugt.

Ob und wie die Generationenabfolge fortgesetzt wird, steht aber noch nicht fest. Das Veränderungstempo habe sich weiter erhöht. „Ich kann nicht sagen, wie der Hof in 20 Jahren aussieht“, sagt Jesse – so wenig wie in den 60er Jahren vorstellbar war, was die moderne Landwirtschaft heute ausmacht. Nur eins steht für Hubertus Jesse fest: „Ich will nicht mit 82 noch jeden Morgen auf dem Trecker sitzen.“